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Stadttheater Schaffhausen – Erfrischende Abwechslung

17.01.2024 | QLT Redaktion

Fräulein Julie, Foto: Daniel Devecioglu

Im Oktober 1956 wurde das neue Stadttheater mit einer Aufführung von Aischylos »Die Orestie« durch das Schauspielhaus Zürich eingeweiht. Seither finden im Stadttheater jeweils von September bis Mai jährlich rund 80 Schauspiel-, Musiktheater-, Kinder und Tanzvorstellungen mit Künstlern und Ensembles aus der ganzen Welt statt. Alleine im Februar kann sich das Publikum auf Strindberg, Familie Flöz und einen höchst spannenden Opernabend freuen:

Fräulein Julie
Schauspiel von August Strindberg

Eine schwüle Mitsommernacht: Ein Tanz, ein Rausch, eine Leidenschaft. Fräulein Julie, Tochter eines Grafen und Gutshofbesitzers, ist zwar privilegiert, würde aber am liebsten das enge Gefängnis der geltenden Standesgrenzen sprengen. Der Diener Jean träumt dagegen von sozialem Aufstieg und vom Prestige, einer höheren Klasse anzugehören. Beide vereint ihre unbefriedigte Sehnsucht nach Freiheit, Liebe und das verzweifelte Streben nach Individualität. In der erregenden Atmosphäre einer Nacht lassen sie sich auf ein gefährliches Liebesspiel ein, das zwischen Begehren und Abweisung, Macht und Ohnmacht oszilliert. Die Ausweglosigkeit der beiden Hauptfiguren, ihr Ringen um Freiheit und Perspektive und der Kampf zwischen Mann und Frau, der letztlich zum Kampf mit sich selbst führt, machen »Fräulein Julie« zu einem Klassiker der modernen Beziehungsdramatik. Julie und Jean suchen die Flucht nach außen, verirren sich aber letztlich im Inneren ihrer Gefühle und Wünsche.

»Fräulein Julie« ist das meistgespielte Stück des schwedischen Dramatikers August Strindberg (1849–1912). Da das Stück von der schwedischen Zensur verboten ist, findet die Uraufführung – um das Verbot der dänischen Zensurbehörde zu umgehen – am 14.3.1889 vor geladenen Zuschauern als geschlossene Vorstellung des Studentenvereins der Universität in Kopenhagen mit Strindbergs Frau Siri von Essen in der Titelrolle statt.  Die Deutschsprachige Erstaufführung läuft – vorsichtshalber mit einem von dem Theaterkritiker Paul Schlenther, einem Mitbegründer des Vereins, gehaltenen Einführungsvortrag – als geschlossene Vorstellung am Berliner Residenztheater im Rahmen des Vereins Freie Bühne im April 1892 statt. Als »Fräulein Julie« am 16.1.1893 an dem Théâtre Libre gezeigt wird, kann Strindberg den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, dass er der erste zeitgenössische Dramatiker ist, von dem ein Stück in Paris gespielt wird.
In einer Produktion des Renaissance-Theaters Berlin wird »Fräulein Julie« am 27.2. um 19:30 Uhr in der Inszenierung von Torsten Fischer aufgeführt. Zusätzlich werden noch der »Talk im Theater« um 18:45 Uhr & ein Publikumsgespräch nach der Vorstellung angeboten.

Familie Flöz: »Hokuspokus«
Schauspiel mit Masken und ohne Worte

Wie sieht ein Theaterabend aus, der mit dem Anfang von Allem beginnt? Welche Rollen werden verteilt? Welche Figuren möchte man dort sehen? Braucht man einen Klumpen Lehm? Und vor allem: Wie endet das Ganze? Das gilt es am 17. & 18.2. im Stadttheater Schaffhausen zu entdecken. Am Anfang wurde aus Dunkel Licht, der göttliche Atem ist eingehaucht und im paradiesischen Garten findet sich das erste Liebespaar. Sie wagen die ersten gemeinsamen Schritte zu zweit, suchen Schutz vor der Natur und finden, Gott sei Dank, eine bezahlbare Wohnung. Schnell zieht das Schicksal das junge Paar in die Achterbahn des Lebens. Und mit jedem Kind wachsen die Fliehkräfte und drohen die Familie zu zerreißen …
 
Der Begriff »Schöpfung« und die vielen Geschichten »vom Anfang von Allem«, die die Menschen sich erzählen, bilden den Ausgangspunkt für das neue Stück »Hokuspokus« von Familie Flöz. Darin erweitert das gefeierte Ensemble seinen Werkzeugkasten und zeigt neben den bekannten Maskenfiguren auch die Akteure dahinter. Ob musizierend, singend, filmend, sprechend oder Geräusche machend: Die Spielerinnen und Spieler erschaffen die Welt der Masken vor den Augen der Zuschauer. Wechselnd leihen sie den Figuren ihre Körper und nehmen ihr Schicksal in ihre Hand. Schöpfer und Schöpfung begegnen sich. Der Titel »Hokuspokus« spielt mit dem mutmaßlichen Ursprung des Wortes, eine volkstümliche Verballhornung des lateinischen »Hoc est enim corpus meum – Dies ist mein Leib«. Oder ist es doch bloß ein Taschenspielertrick? »Hokuspokus« ist eine Produktion der Familie Flöz, dem Theaterhaus Stuttgart sowie dem Theater Duisburg.

La voix humaine / L’heure espagnole
Monooper von Francis Poulenc /
Oper von Maurice Ravel

Zwei bedeutende Vertreter der französischen Oper des 20. Jahrhunderts bilden am 13.2. den Rahmen für einen außergewöhnlichen Opernabend der Gegensätze: Auf der einen Seite Francis Poulenc, dessen tragédie lyrique »La voix humaine« (»Die menschliche Stimme«), 1959 nach dem gleichnamigen Theaterstück von Jean Cocteau geschrieben, das letzte Telefongespräch einer verlassenen Frau mit ihrem Geliebten erzählt. Auf der anderen Seite Maurice Ravel, der geniale Erfinder des »Boléro«, dessen heiter-burleske Komödie »L’heure espagnole« von den skurrilen Versuchen der Ehefrau eines Uhrmachers handelt, ihren Mann in dessen Abwesenheit mit gleich zwei Liebhabern zu hintergehen. Auf der einen Seite Zärtlichkeit, Leidenschaft, und tragische Verzweiflung, auf der anderen Seite schräge Situationskomik mit fröhlichem, spanischen Kolorit und einem Happy End. Dazu facettenreiche, lyrische, dramatische und lustvolle Musik – was will man mehr?
 
Die NOUVEL OPÉRA FRIBOURG (NOF) ist 2018 aus dem Zusammenschluss der Opéra de Fribourg und der Opéra Louise entstanden und entwickelt seitdem als Produktionszentrum für darstellende Kunst innovative Opern- und Musiktheaterformate. Zuletzt war die NOF 2021 in Schaffhausen mit »Powder Her Face« von Thomas Ades zu Gast, nun präsentiert sie ein faszinierendes Opern-Doppel der kontrastierenden Emotionen, durch den sich als roter Faden der Lebensweg einer Frau zieht.

Weitere Infos: www.stadttheater-sh.ch



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