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Wir schaffen was! – Arbeitswelten in der Kunst am Bodensee

12.06.2024 | QLT Redaktion

Arbeiterinnen bei Maggi, um 1930

Die Landschaftsmalerei an Bodensee und Rhein zeigt seit dem frühen 19. Jahrhundert meist die Idylle. Doch wie so oft, die Idylle trügt: der weitere Bodenseeraum wird auch zu einem bedeutenden Schauplatz der Industrialisierung. In der Sonderausstellung »Wir schaffen was!« geht das Rosgartenmuseum Konstanz rings um den See auf Spurensuche: Wie wird menschliche Arbeit im 19. und 20. Jahrhundert dargestellt? Sind die Arbeitswelten der Menschen in Fabrik und Werkstätten, in Nähstuben, auf Güterbahnhöfen, auf dem Bau, im Hafen und in der traditionellen Landwirtschaft nur idealisierend oder auch realistisch, gar sozialkritisch und mit Sympathie für die Lasten des Alltags dargestellt?

QLT hat mit Dr. Tobias Engelsing, dem Direktor der Städtischen Museen Konstanz, über die Ausstellung gesprochen.

QLT: Herr Dr. Engelsing, Sie sind rund um den See auf die Suche nach künstlerischen Darstellungen der damaligen Arbeitswelt gegangen. Warum war es schwer, realistische Darstellungen der arbeitenden Bevölkerung zu bekommen und wo sind Sie fündig geworden?
Anders als in den großen Metropolen konnte sich im 19. und 20. Jahrhundert in der Bodensee-Provinz kein Markt für sozialkritische Kunst entwickeln. Eine Künstlerin wie Käthe Kollwitz, die das Elend der hungernden Arbeiterinnen darstellte, wäre am Bodensee selbst verhungert. Es gab keine nennenswerten Galerien und das Bürgertum am Bodenseeufer hätte ihre Kunst sicher nicht gekauft. Dennoch haben viele Museen rund um den See eindrucksvolle Darstellungen traditionell arbeitender Menschen gesammelt, da wurden wir fündig.

QLT: Unser Firmensitz ist in der Bleiche, einem denkmalgeschützten Stromeyer Gebäude direkt am Rhein. Das Wasser ist glasklar und es gibt keine rauchenden Schlote mehr. Aber wie war der Arbeitsalltag damals für die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Zeltfabrik, auf Baustellen, für die Bauern auf dem Feld und die Fischer auf dem See?
In den Erfolgsjahren der Industrialisierung ab etwa 1870, als rund um den Bodensee Textilfabriken, Nahrungsmittelhersteller und Firmen des Maschinenbaus entstanden, wurden noch bis zu 16-stündige Arbeitstage geleistet – inklusive Samstag. Aber auch das Berufsleben der Fischer auf dem See, der Sennen im Alpstein oder der Straßenbauer im Alpenvorland war für uns Heutige unvorstellbar hart. Die häufig schlecht bezahlte Arbeit dominierte das ganze Dasein.

QLT: Es wurde als sozialer Fortschritt angesehen, dass Kinder ärmerer Familien arbeiteten und so zum Familieneinkommen beitrugen. Was die Kinder letztendlich mit ihrer Gesundheit bezahlten. Ist das nicht heute in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern ähnlich?
Kinderarbeit galt im 18. und frühen 19. Jahrhundert als soziale Wohltat, denn man war stolz darauf, dass arme Kinder durch frühe eigene Arbeit nicht der städtischen Fürsorge zur Last fielen. Dass sie zu Hungerlöhnen ausgebeutet wurden und oft jung starben, interessierte damals wenig. So wenig, wie sich viele Konsumenten heute nicht darum scheren, wer das billige Poloshirt aus Fernost unter welchen Bedingungen hergestellt hat. Das viel gescholtene Lieferkettengesetz hellt diese dunkle Seite unserer globalen Marktwirtschaft nun etwas auf.

QLT: Vor dem ersten Weltkrieg kamen erste Außenbordmotoren in Gebrauch, die aber von den meisten Fischern abgelehnt wurden. Motoren galten als unhygienisch und wegen des Lärms als störend für die Fische. Heute kreuzen auf dem Bodensee riesige Motoryachten, die eher nach Nizza als auf den Bodensee passen. Sollten wir da nicht aus der Vergangenheit lernen?
Die Außenbordmotoren an Fischerbooten wurden in den 1920er-Jahren akzeptiert, nachdem etliche Fischer in Unwettern auf dem See ertrunken waren. Erst in den 1960er-Jahren machte man sich Sorgen um den Gewässerzustand, als der See wegen Überdüngung zu kippen drohte. Doch bis heute wagt kein maßgeblicher Politiker am Bodensee eine Zulassungsbeschränkung von immer größeren Motorjachten zu fordern. Wir proklamieren zwar pressewirksam den »Klimanotstand« und lassen doch weiterhin schwimmende Häuser zu, die an einem Wochenende auf dem See hunderte Liter Sprit durchheizen. Das ist unglaubwürdig.

QLT: Heute ist das große Stichwort »Work-Life-Balance«. Welche Gefahren sehen Sie bei der Entwicklung zu immer mehr Freizeit und immer weniger Arbeit? Welche Auswirkungen wird das auf unsere Gesellschaft und unseren Wohlstand haben?
Konservative, liberale und linksliberale VolkswirtschaftlerInnen sehen gleichermaßen große Probleme auf die europäischen Staaten zukommen: Der extreme Mangel an Fachkräften, die bisher fehlerhafte Einwanderungspolitik, die Wirkungen der Digitalisierung und der KI und die Zukunft der globalen Märkte unter den Auswirkungen von Kriegen und neuer Blockbildung stellen die europäischen Volkswirtschaften vor extreme Herausforderungen. Dabei ist doch klar, dass Wohlstand und stabile Steueraufkommen nicht durch weniger Produktivität und noch weniger Arbeit in weiterhin personalintensiven Bereichen erhalten werden können. Ich persönlich glaube, dass gute Berufsausbildung und eine erfüllende Arbeitsleistung elementare Teile eines sinnhaften Lebens sind und zum Wohlstand des Landes beitragen.

QLT: Auf YouTube gibt es einige Videos der Städtischen Museen Konstanz. Mit dem Film zur Ausstellung »Konstanz im Nationalsozialismus« haben Sie gute Erfahrung gemacht: viele, die ihn gesehen haben, sind anschließend ins Museum gekommen. Das bedeutet, die digitale Welt ersetzt das analoge Erlebnis nicht, sondern ergänzt es. Und: ins Museum gehen ist auch immer ein Akt der Achtsamkeit und der Entschleunigung. Machen Sie weiterhin Filme?
Ja, wir werden auch künftig sowohl situative Videoclips und größere Dokumentarfilme selbst produzieren und in Ausstellungen, in Schulen, auf unseren Websites und auf unserem Youtubekanal zeigen, weil uns damit eine bessere Zielgruppenansprache gelingt. Durch unsere Fördergesellschaft und unsere Siegert-Stiftung können wir solche Formate auch finanzieren. Der Film bietet andere kommunikative Möglichkeiten als die herkömmlichen Medien. Aber wir bleiben auch der gedruckten Publikation, dem Audioguide, Apps und anderen Kanälen treu, mit denen wir unsere Geschichten publikumsnah erzählen.

Herr Engelsing wir wünschen viel Erfolg mit der Ausstellung und danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

Informationen zur Ausstellung

Ausstellungsort:
Rosgartenmuseum
Die neue Sonderausstellung – bis 5. Januar 2025

Begleitbuch zum Thema:
Tobias Engelsing (Hg.): »Wir schaffen was! Arbeitswelten in der Kunst am Bodensee«, 168 Seiten, 16 € erhältlich im Museumsshop und im Buchhandel

Führungsangebot:
Öffentliche Führungen: Jeden Sonntag um
14 Uhr (außer 1. Sonntag im Monat)

Öffentliche Führungen:
Jeden Sonntag um 14 Uhr (außer 1. Sonntag im Monat)

Gruppenführungen auf Anmeldung
Kontakt: Lisa.Foege@konstanz.de
+49 (0) 7531 / 900 2851

Näheres zum umfangreichen Rahmenprogramm unter www.rosgartenmuseum.de



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