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Interview mit Serdar Somuncu 2018

11.04.2018 | QLT Redaktion

Erneut ist es dem Theater Konstanz gelungen, einen großen Namen in die Bodenseestadt zu holen: Serdar Somuncu führt Regie in „Mein Kampf“, die Premiere ist am 20. April. George Taboris Farce vereint scharfsinnige Komik, untröstlichen Weltschmerz und unbeirrbare Menschenliebe zu einem Portrait der „Banalität des Bösen“ und setzt diesem wie nebenbei den Reichtum jüdischer Kultur, Geschichte und Rhetorik entgegen. Serdar Somuncu studierte am Konservatorium für Musik in Maastricht und an der Staatlichen Hochschule für Musik in Wuppertal Musik, Schauspiel und Regie. 1996 begann er seine viel beachtete und ganze sechs Jahre andauernde szenische Lesereise mit Adolf Hitlers Mein Kampf. Somuncu ist Ensemble-Mitglied der „heute-show“ und moderiert die wöchentliche Radiosendung „Die Blaue Stunde“ auf Radioeins sowie seine monatliche Talkshow „So!muncu“ auf n-tv. Somuncu erhielt u.a. den Deutschen Literatur-Theater-Preis und den Prix Pantheon. Regie führte er an Bühnen in Neuss, Frankfurt, Wuppertal, Berlin und Dresden. Konstanz ist ihm gut bekannt, bereits 1991 stand er im Kulturzentrum K9 auf der Bühne.

QLT: Moderator, Schriftsteller, Musiker und Regisseur. Das sind nur einige Eckpunkte Ihrer Biografie. Welche Arbeit ist Ihnen am wichtigsten?

Somuncu: Die jeweils aktuelle, jetzt die Regie in Konstanz.


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QLT: Ist die „Gesamtfigur“ Serdar Somuncu eine Addition aller vier Künstler oder agiert jeder einzeln für sich?

Somuncu: Schwer zu sagen, das ist eine Mischung. Da gibt es kein „Entweder-oder“. Das hier und jetzt zählt, manchmal ist man auch Schauspieler in der Regie, oder man ist Dramaturg, während man Schauspieler ist. Da gibt es mehrere Kombinationsmöglichkeiten. Gut ist, sie alle zu haben.

QLT: Mit dem Thema Hitler setzen Sie sich seit über 30 Jahren auseinander. In Ihren Lesungen werden unter anderem auch Goebbels, E.A. Poe oder Kafka thematisiert. Woher kommt dieser Bezug zu „dunklen, bizarren“ Figuren?

Somuncu: Ich habe ja nicht nur diese Darstellungen in meinem Repertoire. Die dunklen Figuren scheinen die Menschen mehr zu interessieren. Es gibt z.B. in der Literatur mehr Figuren, die problembeladen sind, vielleicht macht es ja auch die Dramatik spannend wenn ein Charakter widersprüchlich ist. Was wäre zum Beispiel eine „helle Figur“, die zu dieser Thematik passen würde?

QLT: Bei Ihren Lesungen und Auftritten bereisen Sie die ganze Republik. Sie hatten bei Ihrer Arbeit immer wieder Probleme mit Neonazis und lasen deshalb nicht selten mit kugelsicherer Weste und unter Polizeischutz. Im Oktober 2005 gab es einen Vorfall im sächsischen Dippoldiswalde mit etwa 25 teilweise vermummten Personen während ihrer Lesung von Hitlers Mein Kampf im Saal. Sie blieben ruhig und die Veranstaltung konnte fortgesetzt werden. Gab es solche Vorfälle öfters?

Somuncu: Die Lesung gibt es nicht mehr. Deshalb reden wir über die Vergangenheit. Man konnte nie wissen, wann es passiert, doch es kam regelmäßig vor. Zu dieser Zeit auf jeden Fall zu oft.

QLT: Gab es regionale Unterschiede? War es in Ostdeutschland schlimmer? Stimmt das Klischee?

Somuncu: Na ja, in Konstanz und Überlingen gibt es auch Nazis. Die laufen hier in Springerstiefeln und Bomberjacken durch die Innenstadt. Damit rechnet keiner, gerade Überlingen ist ein richtiges Zentrum. An dem Klischee des bösen Ostens ist schon etwas dran, aber es gibt Städte im Westen die schlimm sind. Sogar in der Schweiz, Liechtenstein und Österreich gibt es bekennende Nazis.

QLT: Nun also der Bodensee. Am Theater Konstanz inszenieren Sie George Taboris Farce „Mein Kampf“. Allein das Datum der Premiere am 20. April, also Hitlers Geburtstag, ist schon ein Statement an sich… Zufall?

Somuncu: Das ist kein Zufall, Christoph Nix wollte das so, er muss ja auch Werbestratege sein. Ich hätte davon abgeraten, weil dieser Tag eine Symbolwirkung hat. Das Datum ist provokant aber wir werden sehen. Ich hoffe, dass nichts Schlimmes passiert, vorbereitet sind wir auf jeden Fall.

QLT: Das Stück wurde 1987 uraufgeführt. Der Zeitgeist hat sich seitdem gewandelt und die „Banalität des Bösen“ hat in der Gesellschaft noch mehr an Bedeutung gewonnen. Fremdenfeindlichkeit ist fast schon Alltag. Haben die letzten 30 Jahre die Vorlage von Tabori verändert?

Somuncu: In meiner Inszenierung sicherlich, sie hat mit dem ursprünglichen Stück nur noch ganz wenig zu tun. 1987 gab es noch keine Wiedervereinigung, die NPD hat 1 bis 2 % bei den Bundestagswahlen geholt, die FAP (Partei von Michael Kühn) war verboten und man dachte, es gäbe in Westdeutschland keine Nazis und in Ostdeutschland dachte man das Gleiche. Aber in der Tat war es so, dass es im Osten eine sehr große Neonazibewegung gab und deren Perspektive auf die bürgerliche Gesellschaft eine anarchistische war. Sie sahen sich als Widerstandskämpfer gegen das Establishment. Im Westen war es eher eine Gruppe von Altnazis, die sich für das unterdrückte schweigende Establishment gehalten haben. Als es zur Wiedervereinigung kam, haben sich auch diese beiden Energien wieder vereint. Also diese Zeit Anfang der 90er dann 2000, die Anschläge in Solingen, Mölln, die NSU Morde, die Debatte über die Flüchtlingsfrage sind ganz große Punkte, die in den letzten 30 Jahren unser Leben und auch unser Denken beeinflusst haben. Deswegen eine verpasste Chance, wenn das in unserem Stück keine Rolle spielen würde.

QLT: Kunst ist Ihr Mittel zur Provokation. Wie muss ich mir diese aktuelle Inszenierung von Serdar Somuncu vorstellen? Was wird ausgearbeitet bzw., wo liegen die Schwerpunkte? Welche Facetten kommen zum Tragen?

Somuncu: Provokation ist eine Nebenwirkung der Kunst, die ich mache. Ob sich jemand provozieren lässt oder sich provoziert fühlt, ist nicht etwas, das ich wissen oder kalkulieren kann. Jeder, der im Publikum sitzt hat seine eigene Befindlichkeit. Ich kann nicht berechnen, wer, wie auf mich reagiert. Ich mache meine Arbeiten immer mit einer gewissen Konsequenz und nehme dabei keine Rücksicht auf diese Befindlichkeiten.
In der Inszenierung, die wir haben, ist es tatsächlich so, dass wir von der Idee ausgehen, dass Hitler nicht ein originärer Zufall der Geschichte war. Wir versuchen darzustellen, wie sich der Hitler, den wir am Ende als Hitler erleben aus ganz unterschiedlichen Elementen, die wir nicht wahrnehmen, welche aber dann insgesamt in ihrer Kleinigkeit zu etwas sehr Großem und Gefährlichem werden können, zusammensetzt. Deswegen sind die Personen, die mit Hitler spielen bei uns Figuren der aktuellen Zeit…

QLT: Das Engagement in Konstanz kam auch durch die Freundschaft zu Christoph Nix zustande. Wie kam es dazu? Auf welcher Wellenlänge treffen sich hier die zwei „Geister“, wo liegt die Schnittmenge?

Somuncu: Wir treffen uns auf einer guten Wellenlänge, weil ich Christoph Nix sehr schätze und er ein sehr guter Theatermacher ist. Gleichzeitig kenne ich noch die Zeit vor Christoph Nix in Konstanz, als Rainer Mennicken oder Dagmar Schlingmann hier gearbeitet haben. Damals war das Theater eher eine Touristenattraktion oder so etwas wie der „Musikantenstadel“, da ging man eben ab und zu mal hin, um sich unterhalten zu lassen. Seitdem Christoph Nix hier ist, hat das Theater ein Leben bekommen. Es ist manchmal nicht nur lebendig, es kann auch erdrückend sein weil einfach sehr viel gemacht wird. Das Verhältnis zwischen uns beiden ist so gut, dass ich das auch sagen kann. Aber es ist vor allem sehr ehrliches und modernes Theater, welches für eine Stadt wie Konstanz ganz außergewöhnlich ist. Es ist bemerkenswert, dass hier eine Gruppe von sehr jungen Menschen so engagiert und euphorisch arbeitet.

Obwohl man oft denkt, Konstanz sei „Diaspora“ oder „ganz weit weg“ und ich glaube, es wird mittlerweile Deutschlandweit wahrgenommen, dass im Südwesten der Republik eine kleine Bühne existiert, die den Anspruch hat, frisches und mutiges Theater zu machen. Das unterstütze ich aber auch Christoph Nix selbst, den ich aus seiner Zeit beim Staatstheater Kassel kenne ist jemand, den man unterstützen sollte in seiner Idee. Er hat Ecken und Kanten wie wir alle, aber das ist genau das, was das Theater braucht. Wir brauchen keine glattgebügelten Intendanten oder Intendantinnen, die irgendwelchen Politikern nach dem Mund reden und gefälliges Theater machen. Wir brauchen mutiges Theater, das Risiken eingeht und da ist Christoph Nix die beste Wahl gewesen. Die Stadt Konstanz meint, darauf verzichten zu können aber die Stadt ist der Ansicht, sowieso auf einiges verzichten zu können. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass die Politiker in Konstanz nicht mehr den Bürgerwillen vertreten, sondern eine kleine, abgeschiedene Gruppe von Lobbyisten glaubt ihre Ziele auch gegen den Willen der Einwohner durchsetzen zu müssen. Die Abschaffung des Scala Programmkinos z.B. ist eine Katastrophe, es war eines der besten im Südwesten. Die mangelnde Unterstützung für Kulturzentren wie dem K9, in dem ich schon 1991 aufgetreten bin, das seit 30 Jahren mit minimalen Geldern auskommen muss, bis hin zur Absetzung von Nix, alles zusammen widerspricht in diametralem Sinne dem Image, das die Stadt Konstanz gerne von sich hätte – weltoffen und tolerant zu sein. Die Politiker hier verlassen sich darauf, dass der Widerstand ihrer Bürger irgendwann nachlässt. Aber gerade im Fall von Nix hat man gesehen, dass sie sich damit ein Eigentor geschossen haben und ich hoffe, dass sich das irgendwann rächt, nämlich spätestens dann, wenn man nach zwei oder drei Jahren merkt, was man an Christoph Nix hatte – aber dann ist es zu spät…

Das Interview führte Christina Fischer-Bergmann

Foto: Michael Palm

1 Kommentar


  1. Klinger sagt:

    Guten Tag,
    es ist immer wieder erschütternd, wie schwer es Theater und freie Bühnen haben.

    Viel Erfolg und Grüße nach Konstanz


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