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15.04.2026 | QLT Redaktion

Das Napoleonmuseum Arenenberg zeigt in der Ausstellung »Was der Kaiser noch sah« vom 20. März bis 20. September 2026 über 500 historische Fotografien, die in der Zeit von 1860 bis ca. 1906 auf dem Arenenberg, in Konstanz und der Bodenseeregion entstanden sind. Sie spüren den umfassenden Veränderungen nach, mit denen die Menschen damals auch aufgrund der rasanten technischen Entwicklung konfrontiert waren. Gleichzeitig bringen sie den heutigen Betrachter zum Staunen, denn der Unterschied zur Jetzt-Zeit könnte oftmals kaum größer sein.
Im Jahr 1865 reiste der französische Kaiser Napoleon III. zusammen mit seiner Frau Kaiserin Eugénie nach langer Zeit noch einmal an den Bodensee. Hier fühlte er sich zuhause: Am Thurgauer Bodenseeufer und in Konstanz hatte er große Teile seines Lebens als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener verbracht. Der technische Fortschritt hatte das Gesicht der Region in den letzten Jahrzehnten verändert und der technikvernarrte Monarch reiste über die erst vor Kurzem fertiggestellten Eisenbahnverbindung an – mit Ausstieg in Konstanz. Von hier brachte ihn eine Kutsche auf seinen geliebten Arenenberg.
Junges Verfahren der Fotografie dokumentiert erstmals ganze Städte
Eine junge Innovation war in dieser Zeit auch das Verfahren der Fotografie. Zuvor lag die Abbildung städtebaulicher Situationen in den Händen heimischer Genremaler wie etwa dem Konstanzer Nikolaus Hug, der auch Zeichenlehrer des späteren Kaisers gewesen war. Sie variierten in ihren Zeichnungen und Gravuren immer wieder ähnliche, dekorativ wirkende Motive. Erst mit dem Aufkommen der Fotografie entstehen umfassende städtebauliche und landschaftliche Dokumentationen, die ein verlässliches Bild darüber vermitteln, »was der Kaiser noch sah«, als er ein letztes Mal in die Region reiste.
Die gezeigten Bilder folgen den Stationen des Kaiserpaars
Die Ausstellung spürt den Veränderungen am See der vergangenen 160 Jahren nach. Mehr als 400 detailliert beschriebene historische Bilder zeigen die Stationen, die der Kaiser und seine Frau ansteuerten bzw. passierten. Das beginnt mit der Anreise im großherzoglich-badischen Sonderzug über Singen, Radolfzell, Allensbach und Hegne nach Konstanz. Von dort folgt die Bilderpräsentation der Kutsche des Regenten durch die Stadt rheinabwärts durchs Tägermoos nach Ermatingen und auf den Arenenberg. Tags darauf standen der Lilienberg und die übrigen napoleonischen Schlösser am Untersee auf dem Programm, außerdem Freundschaftsbesuche auf dem nahen Thurgauer Seerücken. Am dritten Tag ging es aufs Wasser: zur Reichenau, durch den Gnaden- und Rheinsee, weiter über den Seerhein und den Obersee. Wieder in Konstanz zeigte der Kaiser seiner Frau bei einer Stadtrundfahrt die Sehenswürdigkeiten seiner Heimatstadt und stellte ihr alte Bekannte vor.
Zwei mediale Ausstellungsebenen / Schwarmwissen gefragt!
Für ein zeitgemäßes Ausstellungserlebnis arbeitet die Szenografie auf zwei Ebenen: Etwa 100 Fotos an den Wänden des Ausstellungsraumes bieten die Möglichkeit zu einem Überblick. Unter dem Stichwort »Einst und Jetzt« werden Veränderungen der Lebenswelt beispielhaft anhand aktueller Vergleichsbilder nachvollzogen. Für tiefer Interessierte stehen fünf digitale Stationen mit Bildschirmen bereit. Augenzeugenberichte und rund 250 Fotos können hier durchgeblättert werden. Die Bilder sind nach chronologischen Gesichtspunkten geordnet und mit ausführlichen Begleittexten versehen. Neun einzelne Kapitel sowie ein Vor- und Abspann, erleichtern die Bewegung auf der bilderbuchartigen Plattform.
Anreize zum Mitmachen bietet demnächst ein sechster Bildschirm. Auf ihm ist eine noch nie gezeigte private Kollektion von weiteren ca. 250 Fotos zu sehen, die das Napoleonmuseum während der Vorbereitung zur Ausstellung geschenkt bekam. Bei der Lokalisierung der Motive tappen die Ausstellungsmacher oft im Dunkeln. Hier heißt es: »Schwarmwissen gefragt!«. Die Museumsleitung bittet die Besucherinnen und Besucher um Mithilfe. Eventuell können sie einen wertvollen Beitrag dazu leisten, Orte und abgebildete Personen auf den Bildern zu identifizieren. Für den Museumsnachwuchs wird es ab Mai die Möglichkeit geben, ausgewählte Fotos zusammenzusetzen und dabei zu lernen, wie sich die Region in den vergangenen 160 Jahren stetig verändert hat. Gleichzeitig motivieren wechselnde Rätsel die Gäste sich interaktiv mit den Bildern zu beschäftigen. Wer die Fragen richtig beantwortet, dem winken kostenlose Eintritte.
Und noch ein wenig Hintergrund…
Schon lange hatte Napoleon III. das Heimweh nach dem Bodensee gequält. Die öffentliche Anteilnahme an dieser Nostalgiereise war dann auch enorm. Jubelnd war das Kaiserpaar am Bahnhof Konstanz von einer Menschenmenge empfangen worden.
Zugleich hatten sich die Landschaft und die Menschen verändert. Auch am Bodensee hatte die Industrialisierung Europas Fahrt aufgenommen. Angeschoben nicht zuletzt durch den fortschrittsorientierten Kaiser selbst: Dampfboote verdrängten Segelschiffe, die Eisenbahn das Pferdefuhrwerk, Städte und Dörfer verloren ihren Jahrhunderte alten Charakter. Auch die Landschaft erhielt ein neues Gesicht: wo einst Reben die Ufer des Sees und sein Hinterland prägten, traten nun Streuobstwiesen und Viehhaltung in den Vordergrund. An vielen Stellen entstanden Fabriken, in denen die Menschen neue Arbeit fanden. All das zeigen die Bilder dieser Schau.
Die Ausstellung findet in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Konstanz statt. Es hütet mit der Sammlung der Hofphotographen Wolf einen ungeheuren Schatz über die Entwicklung und Veränderung rings um den See. Ca. 70 Prozent der gezeigten Bilder stammen aus diesem Fundus und können dank der Großzügigkeit des Stadtarchivs in großer Fülle gezeigt werden.
Zusätzliche Aufnahmen wurden dem Napoleonmuseum von privaten Leihgebern und Donatoren zur Verfügung gestellt.
Weitere Informationen:
www.napoleonmuseum.tg.ch