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„Wollen wir in unser altes Leben zurück?“

11.02.2021 | QLT Redaktion

Hast du dich schon mal selbst vermisst? Wie du warst, bevor alles online geworden ist?

Jeder macht irgendetwas online, geht spazieren, backt Bananenbrot. Genießt die Zeit mit der Familie. So scheint es doch. Doch worüber niemand spricht sind die Gedanken, die sich ganz langsam anschleichen, zu uns auf den Tisch klettern und behutsam über die Kabel unserer Rechner steigen. Sie steigen über Ladekabel, winden sich durch die Kopfhörer auf dem Tisch und drehen eine Runde um die halbleere Kaffeetasse.

Dann – beginnen sie zu sprechen.

Zuerst ganz leise, doch dann immer lauter. Dass man bald vielleicht keine Kraft mehr hat. Keinen Sinn mehr darin sieht, jeden Tag darauf zu warten von Microsoft Office zu Netflix zu wechseln, das eigentlich gar nichts mehr Neues für einen bereithält.

Bei all diesen negativen Gefühlen ist es manchmal nicht so einfach, das Positive zu sehen. Doch es gibt Menschen, die das tun und uns helfen können, auch in dieser Krise die Chance zu sehen, uns selbst wiederzufinden und den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren.

So erzählt Kitty O’Meara in ihrem Gedicht „Und die Menschen blieben zu Hause” mit warmherziger Sprache und liebevollen Illustrationen die Geschichte einer schrecklichen Krise, die gleichzeitig das Potential besitzt, zum Wendepunkt für die Menschheit zu werden. Denn wenn wir in uns selbst hineinhören und uns bewusst werden, was wirklich im Leben zählt, dann können wir gemeinsam Schritt für Schritt eine bessere Welt gestalten. 

[…]

Und die Menschen begannen, anders zu denken.

Und die Menschen heilten.

Und in Abwesenheit der rücksichtslosen,

gefährlichen und herzlosen Lebensweisen der Menschen begann die Erde zu heilen.

Und als die Gefahr vorüber war

und die Menschen wieder zusammenkamen, betrauerten sie ihre Verluste

und trafen neue Entscheidungen

und träumten von neuen Ideen

und schufen neue Lebensweisen,

um die Erde vollständig zu heilen,

so wie auch sie geheilt worden waren.

Ich erinnere mich genau an den Beginn des ersten Lockdowns, als es sich so anfühlte, als würde die Welt stillstehen. Als die Menschen zuhause blieben und die Kinder auf der Straße Federball spielten. Als die Menschen zuhause blieben und anstatt zur Arbeit zu gehen mit ihren Kindern im Garten spielten und mit ihnen malten. Als sie zuhause blieben und die Zeit hatten, genau hinzuhören. In sich selbst und auch in andere. Denn auf einmal war der Nachbar nicht mehr nur der Mensch, den man beim Einkaufen grüßte, es war ein Mensch, dessen Probleme auf einmal die eigenen waren, mit dem man in seinem Alleinsein vereint war.

Ich denke, wir sollten unserer Trauer und unserer Wut Raum geben, uns aber nicht komplett von diesen Gefühlen einnehmen lassen, selbst wenn es an manchen Tagen so scheint, als würde der Tunnel nie enden.

Was ich Ihnen an solchen Tagen ans Herz legen kann, sind die Ergebnisse der längsten Studie, die je zum Thema Glück durchgeführt wurde. Es handelt sich um die „Harvard Study of Adult Development“ unter der Leitung von Robert Waldinger, die seit mehr als 75 Jahren die Lebensgeschichten, beruflichen Karrieren, Gesundheitszustände und Beziehungen ihrer Teilnehmer genauestens verfolgt.

All die Informationen, die auf den Abertausenden von Seiten zusammengetragen wurden, führen zu genau einem Ergebnis: Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder.

Menschen, die besser in das soziale Leben eingebunden sind, sind glücklicher, gesünder und leben länger als Menschen, die sich aufgrund fehlender zwischenmenschlicher Beziehungen einsam fühlen. So zeigte sich, dass die Teilnehmer, die im Alter von 50 Jahren von glücklichen zwischenmenschlichen Beziehungen berichteten, im Alter von 80 Jahren am gesündesten waren.

Wir alle wissen, dass man sich auch in einer Menschenmenge einsam fühlen kann, weswegen Waldinger vor allem die Qualität der engen Beziehungen betont und sie vor die Quantität setzt.

Ich weiß, diese Informationen hören sich wahrscheinlich nicht weltbewegend an. Warum ist es also so schwer, an diese Informationen zu gelangen und so einfach, sie zu vergessen?

Wir sind Menschen und was wir am liebsten hätten, wäre eine schnelle Lösung. Etwas, das wir schnell aus der Apotheke holen können. Am besten noch mit Rezept.

Beziehungen dagegen sind kompliziert und harte Arbeit, aber sie lohnen sich. Es würde schon reichen, vielleicht ab und zu Zeit, die man vor dem Bildschirm verbringt, lieber mit anderen zu verbringen, einem Freund Danke zu sagen oder jemanden anzurufen, mit dem man schon lange nicht mehr gesprochen hat.

Ein gutes und langes Leben wird nur auf gute Beziehungen gebaut.

Hast du dich schon mal selbst vermisst? Wie du warst, bevor alles online geworden ist? Ja durchaus, aber ich bin mir sicher, dass ich das Ich, das aus dieser Situation wächst, sogar noch lieber mag.

Text: Carla Krebs, Qlt Redaktion

Infos zum Buch

Das Buch „Und die Menschen blieben zu Hause“ ist im Dezember 2020 im Goldblatt Verlag erschienen.

Die Autorin des Buches Kitty O’Meara wurde 2020 vom O, The Oprah Magazine zur „Poesie-Preisträgerin der Pandemie“ ernannt. Ihr großformatiges Bilderbuch richtet sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder und erzählt von der Hoffnung, dass Corona langfristig ein Umdenken bei den Menschen bewirken könnte. Sei es beim Klimaschutz, bei unserem Umgang miteinander oder auch bei der Wertschätzung von den Dingen, die uns früher selbstverständlich vorkamen.

„Denn wollen wir wirklich in unser altes Leben zurück? NEIN! Wir wollen (und müssen) vieles besser machen“. (Marie Franz, Verlegerin des Goldblatt Verlages)

Foto: Goldblatt Verlag

www.goldblattverlag.de



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