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„Wo die Welt brennt“– Interview mit Markus Mauthe

11.12.2019 | QLT Redaktion

Björn Kaminsky im Interview mit dem Friedrichshafener Umweltaktivisten und Naturfotografen Markus Mauthe

Qlt: Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein sind Ihre Kernthemen, durch Ihre Vorträge schaffen Sie es, den Fokus der Gesellschaft stärker auf diese zu lenken. Wie entstand Ihr Engagement im Umwelt-Aktivismus?
Markus Mauthe: Ich hatte das Glück, dass ich zu einer Zeit und in einer Region geboren wurde, in der man reisen konnte und dadurch hab ich relativ früh gesehen, wie schön die Welt sein kann. Andererseits jedoch bemerkt, was wir auch für massive Probleme haben. Diese potenzierten sich in den letzten 20 Jahren zunehmend. Über meine Möglichkeiten zu reisen und der Fotografie habe ich es mir zum Thema gemacht, meine Art des Reisens in einen ökologischen Kontext zu stellen und angefangen, mit Greenpeace zusammen zu arbeiten.

Qlt: Inwieweit setzen Sie selbst im Alltag und auf Ihren Reisen diese Nachhaltigkeit um?
Markus Mauthe: Alles was wir tun und natürlich auch Reisen hat einen ökologischen Fußabdruck. Ich bin keiner, der den Leuten predigt, dass sie sich die Welt nicht anschauen sollen. Trotzdem gibt es Unterschiede. Aus meiner Sicht, ist in der Zeit der Klimakatastrophe das Reisen immer noch ein wichtiger Wert, da man neue Kulturen kennenlernt und sich weiterbildet. Ich bin Teil eines Systems und somit nutze ich es auch, aber das hält mich nicht davon ab zu versuchen, es zu verändern. Wir sollten vor allem unsere Werkzeuge, die wir haben, nachhaltiger gestalten. Ich esse bspw. kein Fleisch mehr, tue mich allerdings schwer damit auf Milchprodukte zu verzichten, weswegen ich es noch nicht geschafft habe, Veganer zu werden. Es geht um den Wandel des Systems, wir müssen weg von Öl, Kohle und Gas und dann kommen immer mehr Sachen wie Konsumverhalten dazu, jedoch müssen wir vor allem die großen Hebel, also Konzerne und Industrie bewegen, anders zu produzieren. Keiner soll alles aufgeben, was ihm gefällt, aber wir müssen in Diskussionen gehen und dürfen nicht mehr dem System des unbegrenzten Wachstums folgen.

Qlt: Auf Ihrer Reise im Südsudan sind Sie bei der Besteigung eines Bergzuges fast verdurstet. Was war in den über 30 Jahren, die Sie als Fotograf tätig sind, die größte Herausforderung?
Markus Mauthe: Ich kann es nicht auf eine Sache herunter brechen, ich hatte auf meinen Reisen viele Herausforderungen, die eigentlich immer gemeistert werden konnten, weil ich viel Erfahrung gesammelt habe. Die größte Lebensherausforderung ist, dass ich seit 30 Jahren Zeitzeuge sein kann und die wunderbare Natur dokumentieren darf. Seit 20 Jahren versuche ich etwas zu verändern, also meinen Beitrag zur Bewusstseinsbildung leiste und immer mehr in den letzten 3 bis 4 Jahren gemerkt habe, dass wir verlieren. Wir rennen immer mehr auf den Abgrund zu. Wir haben nur noch ganz wenige Jahre um das, was auf unsere Kinder zukommen wird, abzumildern. Und meine größte Herausforderung ist, diese Ohnmacht nicht gewinnen zu lassen. Ich muss mich selber mit positiven Botschaften bei Kraft halten, das mach ich bspw. über meine NGO. Wir wissen jetzt schon ungefähr, wie viel Regenwald nächstes Jahr zerstört werden wird. Wir stehen kurz vor dem Zusammenbruch dieser Ökosysteme und der Mensch macht schneller weiter denn je.


Qlt: Insbesondere auf Ihren Reisen für „An den Rändern der Welt“, kamen Sie in Kontakt mit diversen Kulturen. Wie haben Sie allgemein diese Begegnungen empfunden? Gab es Indigene, zu denen es besonders schwierig war, Kontakt aufzubauen?
Markus Mauthe: Die Völker, bei denen die größten Schwierigkeiten bestanden, haben wir gar nicht besucht. Es gibt nur noch ganz wenige unberührte Völker und diese sollten solange wie möglich in Ruhe gelassen werden. Der Sinn dieses ganzen Projektes war aus dem Blickwinkel der Indigenen, also wie sie den Wandel der Welt wahrnehmen, darzustellen. Viele Begegnungen waren ähnlich, weil ich gelernt habe, dass sich durch den Eingriff des Menschen bei ihnen fast alles im Alltag verändert und das zu dokumentieren war meine Aufgabe. Wo sind die Merkmale, die diese Menschen einmalig machen, auch wenn sie in 10 Jahren evtl. verschwunden sein werden?

Qlt: Über die Jahre haben Sie Eindrücke von den unterschiedlichsten Landstrichen wie auch Kulturen sammeln können. Was war für Sie persönlich das am meisten prägende Erlebnis?
Markus Mauthe: Ein für mich sehr prägendes Erlebnis war, dass ich mit 42 das erste Mal Tauchen war und ich mir so noch 70 % des Planeten erschlossen habe. Dort mit der Kamera runter zu gehen und diese Wunderwelten entdecken zu können, also zumindest da, wo sie noch intakt sind und nicht durch den Klimawandel oder Überfischung zerstört wurden. Es gibt immer weniger Wildtiere auf der Welt. Der Mensch sieht nur was heute ist, vor 30 oder 100 Jahren hatten wir noch eine ganz andere Artenvielfalt. Und jetzt sind wir im Endspiel und machen den letzten Rest auch noch kaputt.

Qlt: Sie haben zusammen mit Ihrer Frau eine gemeinnützige Naturschutzorganisation (AMAP) zur Erhaltung des Regenwalds gegründet. Wie kam es dazu und warum gerade dieses Projekt?
Markus Mauthe: Das war eine ganz zwangsläufige Sache, als ich meine Frau im Regenwald kennen gelernt habe. In Bahia besitzt sie eine Kakao-Farm die, wie die meisten Kakao-Farmen, schlecht lief. Wir haben sie dann ökologisch umgebaut mit dem Öko-Tourismus als zweites Standbein. Und ich habe in den ersten Jahren gesehen, was noch für Chancen in dieser Region bestehen und durch meine Kontakte, die ich über die Jahre gesammelt habe, AMAP gründen können. Seit 3 Jahren haben wir in Deutschland einen Förderverein, der Gelder sammelt, wodurch Land gekauft, Regenwald aufgeforstet und Aufklärung betrieben wird. Das ist für mich der notwendige Ausgleich, wenn ich sehe wie Bäume wachsen, tut mir das einfach in der Seele gut.

Qlt: Was würden Sie einem angehenden Natur-Fotografen und Reisejournalisten in der heutigen Zeit empfehlen, um in der Branche Fuß zu fassen und was für Tipps können Sie mit auf den Weg geben?
Markus Mauthe: Es gibt kein Berufsbild des Reisefotografen, man muss sich klar machen, für was brenne ich und was will ich. Dann muss man in der realen Welt Kontakte knüpfen, die einem das ermöglichen. Für mich war es damals die Möglichkeit, Vorträge zu halten. Es ist inzwischen nicht leichter geworden, aber dafür gibt es neue Methoden wie bspw. Social-Media. Eine Möglichkeit ist es, sich bei Naturschutzorganisationen zu engagieren und so können Berufe bzw. die nötigen Kontakte entstehen. Es gibt keinen Plan A oder B, um Umweltschützer oder Naturfotograf zu werden. Ich kann nur empfehlen: Schaut euch die Welt an und setzt euch ein, wo die Welt brennt.

Foto: JH