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Theater Konstanz – Wonderful World

12.02.2020 | QLT Redaktion

Terrence Ngassa (Foto Theater Konstanz/Ilja Mess)

Immer wieder präsentiert das Theater Konstanz Musicals oder musikalische Abende auf hohem Niveau – z.B. 2016 Uraufführung „I’m Glad I Found You“, ein musikalischer Abend nach Navid Kermanis Roman „Das Buch der von Neil Young Getöteten“, 2017 Rock-Oper „Jesus Christ Superstar“, 2018 Musik-Komödie „Ewig jung“ und 2019 das Musical „Cabaret“.
Am 14.2.20 feiert die Uraufführung von „Wonderful World“ in der Regie von Mark Zurmühle Premiere im Stadttheater Konstanz. Die musikalische Leitung obliegt Rudolf Hartmann. Neben den aus etlichen Produktionen am Theater Konstanz bekannten Musikern Frank Denzinger, Benjamin Engel, Thomas Förster, Albert Ketterl und Carlo Schöb ist einer der besten Trompeter Afrikas Terrence Ngassa als „Erscheinung von Louis Armstrong“ an diesem Liederabend mit den Welthits des Jazz zu hören. Ebenfalls mit auf der Konstanzer Theaterbühne ist die international bekannte Jazz-Sängerin Siggy Davis. „Wonderful World“ erzählt die Geschichte des legendären Musikers Louis Satchmo Armstrong, der eine ganze Epoche des Jazz prägte. Der Sound seiner Band, seine Trompete und seine unvergleichliche Stimme klingen bis heute nach. Sein Ehrgeiz als Musiker revolutionierte die populäre Musik und er gilt als Mitbegründer des Jazz. Im Stück werden die politischen Hintergründe beleuchtet, trotzdem liegt der Fokus auf dem unvergleichlichen Sound dieser Epoche.
Louis Armstrong (1901–1971) wurde in ärmlichen Verhältnissen in New Orleans geboren. Er wuchs in bitterer Armut umgeben von Mord, Prostitution und Drogen auf, inmitten des Kampfes um gesellschaftliche Gleichberechtigung. Seine musikalische Begabung sicherte ihm seine Zukunft, denn New Orleans war voller Musik – ob in den Kneipen und Tanzsälen oder auf der Straße. Bedeutende Musiker waren hier zuhause, darunter Buddy Bolden, Jelly Roll Morton, Sidney Bechet, John Robichaux und Armstrongs Förderer Joseph „King“ Oliver. Hier verschmolzen die schwarzen Songs von den Plantagen mit dem Ragtime der Jahrhundertwende und klassischen Elementen zu einer mitreißenden neuen Musik. Armstrong spielte als Gelegenheitsmusiker Flügelhorn und Trompete. 1922 folgte er dem Ruf seines Mentors Oliver, machte sich auf den Weg nach Chicago und begann seine Weltkarriere. Armstrong gehörte zu den etwa sechs Millionen Afroamerikanern, die zwischen 1910 und 1970 die Südstaaten der USA verließen, um in den Städten des Nordens die Chance auf ein Leben in Freiheit zu suchen. Im Süden sorgten Rassengesetze dafür, dass sie Bürger zweiter Klasse blieben. Dazu kam die Gewalt: Zwischen 1877 und 1950 brachten Weiße in zwölf Südstaaten der USA fast 4.000 Afroamerikaner um. Die Afroamerikaner brachten den Jazz mit nach Norden, von wo aus er dann im Sturm die Metropolen der Welt eroberte. Die „wunderbare Welt“, die Armstrong in seinem gleichnamigen Song beschrieb, wurde jedoch nur für wenige Realität. Die Geschichte der „Großen Migration“ ist auch eine Geschichte geplatzter Träume. Selbst im liberalen New York mussten schwarze Musiker oft den Hintereingang benutzen, wenn sie in einem von Weißen besuchten Club auftraten. Vor allem aber setzte sich die Rassentrennung des Südens in den Siedlungsstrukturen des Nordens fort. Bald gab es Stadtviertel, die fast ausschließlich von Schwarzen bewohnt wurden.
Afroamerikaner forderten eine eigene kulturelle Autonomie ein und betonten afrikanische Traditionen im Hinblick auf Musik, Tanz und Riten. Diese Einstellung förderte auch ein neues Selbstbewusstsein, das in ersten Protestsongs Ende der 20er Jahre gipfelte. So kritisierte Louis Armstrong 1929 in „(What Did I Do to Be So) Black and Blue” unverschlüsselt Rassendiskriminierung. In „Louis Armstrong. Ein kulturelles Vermächtnis“ schreibt Marc H. Miller: „Armstrongs Anziehungskraft übersprang die Rassenschranken, aber er musste noch oft in Lokalitäten auftreten, wo strenge Rassentrennung herrschte.“ So verboten 1931 die rassistischen Gesetze von New Orleans, dass Schwarze seine Auftritte besuchten. „Am ersten Abend, als sich 5.000 Weiße in den Suburban Garden zwängten, saßen 10.000 Schwarze vor der Absperrung und hofften, durch die offenen Fenster etwas von der Musik mitzubekommen.“
Zu Zeiten Martin Luther Kings führte die strikte Trennung der gesellschaftlichen Milieus in Schwarz und Weiß in den USA zu massiven politischen Auseinandersetzungen. Je mehr die Gewalt gegen Bürgerrechtler eskalierte, desto heftiger wurde die Debatte unter den Musikern. Louis Armstrong – von vielen Afroamerikanern als „musizierender Onkel Tom“ kritisiert – sagte 1957 eine State-Department-Tournee ab: „So, wie meine Leute in den Südstaaten behandelt werden“, erklärte er, „kann sich diese Regierung zum Teufel scheren.“ Erst als Präsident Eisenhower die Armee in den Süden schickte, um den Zugang schwarzer Schüler zu weißen Schulen zu erzwingen, kehrte Armstrong zum Ambassador-Projekt – eine weltweite Jazz Tournee, initiiert und durchgeführt in der Zeit des Kalten Krieges vom US-amerikanischen Außenministerium – zurück. Wie Marc H. Miller schreibt, fielen in Armstrongs Lebensspanne jene gesellschaftlichen Veränderungen, die es afroamerikanischen Künstlern erlaubten, sich gegen Rassenvorurteile durchzusetzen.

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