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Theater Konstanz – Struwwelpeter

09.11.2022 | QLT Redaktion

Foto: Ilja Mess

Schrill und schräg wird es am Theater Konstanz, wenn die Junk-Oper „Shockheaded Peter“ die Bühne rockt.

1998 feierte Philipp McDermotts und Julian Crouchs Musical-Version des Struwwelpeter unter dem Titel „Shockheaded Peter“ in London Uraufführung und ist seitdem auch von deutschen Bühnen nicht mehr wegzudenken. Die Musik der britischen Band „The Tiger Lillies“ mit ihrem Bandleader Martyn Jacques changiert zwischen Musical, Jazz, Punk und Vaudeville und trägt wesentlich zum Erfolg dieser einzigartigen, schrillen „Junk-Opera“ bei. Dunkel und gar seltsam kommt die Welt der Tiger Lillies daher, mit Momenten tiefer Traurigkeit und grausamem Humor. Dieses einzigartige „anarchische Brechtsche Straßenopern-Trio“ tourt um die Welt und spielt Lieder über „alles, was nicht schöne blonde Mädchen und Jungen betrifft, die sich auf sonnigen Wiesen tummeln“, um Gründer Martyn Jacques zu zitieren. So waren sie denn prädestiniert, den „schröcklichen“ Gedichten des Dr. Heinrich Hoffmann die adäquaten Töne zu verpassen.

1844 hat Hoffmann das Bilderbuch „Der Struwwelpeter“ als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn gezeichnet und gereimt. Das Buch hat Generationen von Kindern das Fürchten gelehrt. Wie ein Bilderbogen reiht sich darin eine schaurig-schöne Begebenheit an die nächste: vom Suppenkaspar, dem Hans-Guck-in-die-Luft, vom zündelnden Paulinchen, dem fliegenden Robert und wie sie alle heißen. Schon dem Untertitel „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3-6 Jahren“ war nicht zu trauen, geschweige denn dem Versprechen nach einem Bilderbuch im Vorwort: „Wenn die Kinder artig sind, kommt zu ihnen das Christkind; wenn sie ihre Suppe essen und das Brot auch nicht vergessen, wenn sie, ohne Lärm zu machen, still sind bei den Siebensachen, beim Spaziergehn auf den Gassen von Mama sich führen lassen, bringt es ihnen Gut’s genug und ein schönes Bilderbuch.“ Nein danke! Für solch ein Buch lohnt sich artig sein auf keinen Fall! Seit 1998 hat das einsame Schaudern ein Ende. Dank der Briten von „The Tiger Lillies“, die aus diesem berüchtigten Kinderbuch eine Junk-Oper für Erwachsene gemacht haben, die stilistisch in der Tradition der Musik von Brecht und Weill steht. Mit schaurig-schönen Balladen, mitreißenden osteuropäischen Klängen und schwarzem Humor. Die schwarze Pädagogik wird noch schwärzer!

In Konstanz inszeniert Susi Weber „Shockheaded Peter“ – im Sommer 2021 hat sie ihre großartige Open Air Version von Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ auf den Münsterplatz gebracht. Auch dieses Mal kann die Regisseurin wieder auf ein musikalisch versiertes Ensemble zurückgreifen – neben Ingo Biermann agieren Jasper Diedrichsen, Anna Eger, Maëlle Giovanetti und Ruby Ann Rawson auf der Stadttheaterbühne. Unterstützt wird das Schauspielensemble durch den Musikalischen Leiter Rudi Hartmann (Akkordeon) und seine großartigen Bandkollegen Benjamin Engel (Sax + Klarinette), Jakob Köhle (Schlagzeug und Fabian Möltner (Kontrabass), die den schräg-makabren Stil der Tiger Lillies bestens umsetzen. Die Kompositionen betonen das anarchische Potential des »Erziehungsratgebers« aus vergangenen Zeiten und verwandeln die Geschichten in eine grotesk-alptraumhafte „Junk-Opera“.

„Das menschliche Bewusstsein ist voller Ungeheuer! Seht! Staunt! Und vor allem: Nehmt euch in Acht!“ Niemand kann behaupten, nicht gewarnt worden zu sein. Herzlich willkommen! Ach ja: „Die mit schwachen Nerven mögen den Saal verlassen. Echt.“

Was kommt sonst noch auf die Bühne?

Im großen Haus wird eine ganz besondere Version von „Quijote“ gezeigt. Gemeinsam mit dem Ensemble lädt Autor und Regisseur Hannes Weiler das Publikum auf das Abenteuer ein, Quijote ganz neu zu erleben! In der Konstanzer Uraufführung philosophiert das Schauspielensemble lustvoll und mit einer großen Portion Humor über das Erbe dieses Klassikers, seine Figuren und deren Motive und Erwartungen.

Im November läuten traditionell Familienstücke die Vorweihnachtszeit ein. Im Stadttheater wird ab 13.11. „Die wilde Sophie“ nach dem Roman von Lukas Hartmann gespielt. Sophie, die Tochter des königlichen Zwetschgenkompottlieferanten, muss unbedingt den Prinzen Jan retten! Denn dessen Vater König Ferdinand hat Angst vor allem und jedem und möchte deshalb seinen Sohn am liebsten in Watte packen. Ein Stück für Kinder ab 6 Jahren über Freundschaft und Mut, in dem einmal nicht die Prinzessin, sondern der Prinz wachgeküsst wird. Eine Woche später, am Sonntag 20.11., feiert die Uraufführung „Psssst!“ von Barbara Fuchs und Jörg Ritzenhoff Premiere. Schon in der letzten Spielzeit begeisterten sie in Konstanz mit ihrem Roboterstück „Angeknipst“. Ihr Familienstück „Psssst!“ übers Rauschen und Lauschen wendet sich an ein Publikum ab 4 Jahren. In einer humorvollen Versuchsanordnung zwischen Natur, Technik, Musik- und Tanztheater kann man auf eine rauschende Entdeckungsreise gehen.

www.theaterkonstanz.de



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