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SCALA ADIEU – von Windeln verweht

13.03.2019 | QLT Redaktion

In Konstanz eröffnete 2017 die fünfte städtische Filiale der größten Drogeriemarktkette Europas: noch mehr Windeln, noch mehr Zahnpasta für die Anwohner und die Konsumtouristen aus der benachbarten Schweiz. Bis 2016 waren die Räumlichkeiten der Filmkultur vorbehalten, denn hier residierte der „Scala Filmpalast“. Als Douglas Wolfsperger den magischen Ort der eigenen Kinosozialisation besucht, ist der Bürgerprotest gegen die drohende Schließung bereits in vollem Gange. Der Filmemacher wird Zeuge des letzten Aufbäumens eines sterbenden Programmkinos, spricht mit glühenden Filmenthusiasten und nüchternen Stadtverwaltern über Schwund und Expansion, Lustgewinn und Handelszuwächse, undurchsichtige Interessen- und günstige Geschäftslagen. „SCALA ADIEU – von Windeln verweht“ ist bereits preisgekrönt, der Film wurde bei den 40. Biberacher Filmfestspielen mit dem Doku-Biber für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Der bundesweite Kinostart ist am 21.3. Anlässlich der Premiere in Konstanz und der Bodenseeregion stand Douglas Wolfsperger dem QLT Magazin für ein Interview zur Verfügung.

QLT: Ich kann mich noch gut an deinen 1. Film „Lebe kreuz und sterbe quer“ erinnern. Das ist jetzt auch schon über 30 Jahre her. Konstanz und seine Menschen waren oft die Protagonisten deiner Arbeit. Seitdem hat sich die Stadt verändert, was fällt dir am meisten auf?

D.W.: Es ist wie in vielen anderen Städten auch. Der Kommerz hat sich breitgemacht und das Individuelle geht immer mehr verloren. Die Mieten explodieren und das Stadtbild wird geprägt von den immer gleichen Akteuren, von Mode- und sonstigen Handelsketten.


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QLT: Nun hast du mit deinem neuesten Werk „Scala Adieu – von Windeln verweht“ wieder den Fokus auf Konstanz gesetzt. Wann und wie hast du von der Schließung des Scala Kinos erfahren?

D.W.: Wie die meisten in der Stadt auch, habe ich im Frühjahr 2015 aus der Lokalpresse erfahren, dass das knapp 80jährige Traditionskino der fünften Filiale eines Drogeriemarktes weichen soll.

QLT: Wie kam es zu der Entscheidung, einen Film darüber zu drehen?

D.W.: Das war genau einen Tag nach dem schönen Jubiläumsabend 30 Jahre „Lebe kreuz und sterbe quer“, meines Debut-Kinofilmes, im Dezember 2015 im Scala-Kino. An diesem Abend wurde viel darüber gesprochen, wie sehr sich unser Stadtbild in diesen Jahren doch zum Negativen verändert hat und dass es unfassbar wäre, wenn nun auch noch das Scala, das letzte Programmkino in der Region, plattgemacht würde. Zu diesem Zeitpunkt bestand ja zumindest noch eine größere Hoffnung dies zu verhindern und die von Christoph Nix initiierte Bürger-Initiative „Rettet das Scala“ fing an, sich zu formieren. Ich dachte mir, egal, wie das ausgehen wird, das musst du filmisch dokumentieren. Das war natürlich ein Sprung ins kalte Wasser, denn das Projekt konnte so schnell ja gar nicht finanziert werden.

QLT: Wie lange dauerten die Dreharbeiten? Wie hat es sich angefühlt, den „Kinotodesfall“ zu dokumentieren?

D.W.: Der Dreh bestand aus 10 Etappen vom Februar 2016 bis November 2017, also bis zur Eröffnung der dm-Filiale. Insgesamt waren das 30 Drehtage. Zwischen diesen Dreh-Etappen musste ich auch immer wieder Geld auftreiben, um überhaupt weitermachen zu können. Als im April 2016 die Mehrheit des Konstanzer Gemeinderates gegen die von der Bürger-Initiative angestrebte Veränderungssperre gestimmt hatte, war klar, dass man gegen die Pläne des Immobilien-Spekulanten Wössner nichts mehr ausrichten konnte. Das war der definitive Todesstoß und für alle, die sich über Wochen und Monate für den Erhalt des Kino-Juwels eingesetzt hatten, sehr deprimierend. Denn letztendlich ging es ja nicht nur um irgendein Kino. Das war ein besonderer Ort, der Heimat und Individualität bedeutete. Ein Ort, der nicht ersetzbar ist. Das, was jetzt statt des Scala-Kinos auf der Marktstätte steht, ist ein besonders abschreckendes Beispiel, wie sich ein Spekulant eine Immobilie greift und ohne Sinn und Verstand und nur einen Funken von Stil und Geschmack verschandelt.

QLT: „Scala Adieu – von Windeln verweht“ wurde in Hof uraufgeführt und hat bei den Biberacher Festspielen den „Doku-Biber“, den Preis für den besten Dokumentarfilm 2018 erhalten. Nun wird der Film endlich in Konstanz und Kreuzlingen zu sehen sein. Allerdings im Stadttheater, im Konzil und dem Kult X jenseits der Grenze. Wie kam es dazu?

D.W.: Mir hat ein Aufführungsort in der Stadt vorgeschwebt, der möglichst zentral liegt, gut erreichbar ist und eine besondere Atmosphäre hat. Also im Grunde alles das, was das Scala in sich vereint hatte. Als mir dann Christoph Nix das Angebot machte, die Premiere im Stadttheater zu feiern, fand ich das perfekt. Da das Theater aber danach nur noch einen Termin frei hatte für eine weitere Aufführung am 18.3., klopfte ich bei Manfred Hölzl im Konzil an und der war von der Idee, den Film auch dort zur Aufführung zu bringen, sofort begeistert. „Scala Adieu“ auch im Kult-X Kino zu zeigen, war Ehrensache, denn die Thurgauer und die Kreuzlinger hatten mich von Anfang an, lange vor den Konstanzern, großzügig unterstützt.

QLT: Wie siehst du die Zukunft der Programmkinos im Allgemeinen? Konstanz ist kein Einzelfall.

D.W: Das Kinosterben war ja immer wieder ein Thema, in den Fünfziger/Sechziger Jahren mit dem Einzug der Glotze ins Wohnzimmer, dann in den Achtzigern das Sterben der kleinen, inhabergeführten Kinos als die großen Center die Menschen in zahlreichen Kinosälen mit amerikanischen Blockbustern und Mengen von Popcorn vollgestopft haben. Jetzt kommen auch die Großen ins Schwimmen, setzen auf Kino als Luxus-Entertainment. Das Kino muss sich ständig neu erfinden. Netflix hat sich mit durchaus anspruchsvollen Serien qualifiziert. Aber auch ein noch so großer privater Flatscreen kann ein Gemeinschaftserlebnis in Verbindung mit einem Film-Programm, das jenseits vom Mainstream rangiert, nicht ersetzen. Arthouse war ja nie ein Massenphänomen, sondern immer Nische. Und diese Nische hat eine gesellschaftliche Berechtigung, weil sie denen einen Raum gibt, die im Blockbuster nicht vorkommen. Das Kino als kultureller und sozialer Ort wird es immer geben.

QLT: Wie sehen deine persönlichen Pläne als Filmemacher aus? Ist bereits ein neues Projekt geplant?

D.W.: Selbstverständlich stehen neue Projekte und größere Herausforderungen an, u.a. befinden sich ein Spiel- und ein Dokumentarfilm im Entwicklungsstadium.

Weitere Infos, Spieltermine und Kino-Trailer: www.scala-adieu-film.de

Das Interview führte Christina Fischer-Bergmann


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