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Ngunza – Der Prophet – Uraufführung Theater KN

22.11.2019 | QLT Redaktion

Fotos: Ilja Mess Theater Konstanz

Eine außergewöhnliche, packende und sehr berührende Produktion, die zugleich eine Uraufführung ist, zeigt das Theater Konstanz noch bis zum 20. Dezember in der Spiegelhalle. Nach einem Schauspiel von Rafael David Kohn hat der togolesische Regisseur Ramsès Alfa die Geschichte über den Propheten Simon Kimbangu eindrücklich in Szene gesetzt. Wie schon bei „Die Farbe des Lachens“ wird in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) gesprochen, was für die Authentizität des „Multikulti“- Stücks mit internationaler Besetzung durchaus förderlich ist. Die Englischen und französischen Textpassagen werden zeitgleich auf einem großen Bildschirm ins Deutsche übersetzt.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte ein Wettlauf des Kolonialismus, vor allem auf afrikanische Länder ein. Als besonders grausam taten sich hier die Belgier hervor. Dem belgischen König Leopold II gehörte der Kongo sogar als Privatbesitz. Er war verantwortlich für die Verbrechen die als „Kongo-Gräuel“ in die Geschichte eingingen. Der Weltmarkt verlangte nach Kautschuk, Kupfer und weiteren Bodenschätzen, die durch Zwangsarbeit gefördert wurden. Wer sein Soll nicht erfüllte wurde drakonisch bestraft: verstümmelt, erschossen oder mit der Nilpferdpeitsche „chicotte“ erschlagen. Leopolds Söldnertruppe die „Force Publique“ verbreitete Terror im ganzen Land. Auch nach der erzwungenen Übergabe der Kolonie an den belgischen Staat wurde die Ausbeutung fortgesetzt. Im ersten Weltkrieg mussten tausende von Kongolesen als Soldaten in Europa dienen. Insgesamt wurden zwei Millionen Afrikaner Opfer dieses Krieges.
Die Handlung des Stückes (übrigens eine Auftragsinszenierung des Theater Konstanz) setzt im Jahre 1921 ein. Nach vierzig Jahren belgischer Besatzung herrscht Endzeitstimmung. Alle afrikanischen Organisationen, auch religiöse, werden verboten. Die Belgier fürchten sich vor ihrem Einfluss auf die einheimische Bevölkerung. Simon Kimbangu, Prophet und Wunderheiler im Namen des Christentums, ruft zum gewaltlosen Widerstand auf. Er wird zum Tode verurteilt. Aber um ihn damit nicht zum Märtyrer zu machen, dann vom belgischen König zu lebenslanger Haft begnadigt. Kimbango stirbt nach dreißig Jahren Gefangenschaft. Soweit die Hintergründe.

Charles (Jubril Sulaimon), ein intellektueller Bantu und Protagonist der Aufführung, hat in Europa gedient und kommt sogar hochdekoriert und körperlich unversehrt nach Hause zurück. Doch seine Seele ist gebrochen, er ist voller Scham. Er und seine Kameraden haben das belgische Terrorregime satt. Sie wollen die Unabhängigkeit des Kongo und manche schrecken dabei nicht vor bewaffnetem Widerstand zurück. Ihre Motive unterscheiden sich, ihr Ziel ist dasselbe. Charles‘ Mission ist es, einen belgischen Verwalter der Société Générale de Belgique zu ermorden. So will er ein klares Zeichen setzen, dass das Volk sich nicht mehr unterdrücken lässt. Am Vortag des geplanten Attentats willigt er ein, mit seiner Ehefrau (Pierrette Takara) einer Predigt des Propheten Kimbangu beizuwohnen. Kimbangus Worte bewegen Charles zutiefst. Er beginnt zu zweifeln. Wird er das Attentat begehen?

Abgesehen von der hervorragenden Leistung der Schauspieler bilden die musikalischen Einlagen von Eustache K‘ Mouna ein Kernelement der Inszenierung. Sie wird nicht nur für die Übergänge verwendet, sondern auch um die Spannungsbögen zu halten und auch die Motive des Stückes hervorzuheben. Die berührenden Gesänge werden in Yoruba, Kabiyé und Mende vorgetragen. Erwähnt sei ebenfalls das außergewöhnliche schwarz/weiße Bühnenbild (Andreas L. Mayer). Minimalistisch gehalten mit abstrakten Formen sorgt es bei normaler Beleuchtung für nicht allzu viel Aufregung, doch sobald das Licht ausgeht erzeugt der Raum durch die Verwendung von fluoreszierenden Farben eine ganz andere Atmosphäre.

Simon Kimbangu wurde nach seinem Ableben durch seine Kinder und Anhänger zum Begründer einer neuen Glaubensgemeinschaft, den Kimbangoisten, die unter dem Namen „Kirche Jesu Christi auf Erden durch den Propheten Simon Kimbangu“, seit 1969 Mitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen ist. Heute hat sie ca. 6 Mio. Anhänger und ist die größte unabhängige christliche Kirche Schwarzafrikas.

Text: Christina Fischer-Bergmann



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