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Die mystischen Gärten der Helen Dahm

12.06.2019 | QLT Redaktion

Helen Dahm war eine Frau, die nie viel über ihre aussergewöhnliche Biografie sprach, nicht über die schwierige Kindheit in Kreuzlingen oder wie sie mit der Freundin 1906 nach München durchbrannte, später mit ihr in ein Bauernhaus aufs Land zog und noch 60-jährig nach Indien reiste. «Schliesslich ist mein Leben so restlos in meine Bilder übergegangen, dass, wer es nicht sieht, es auch nicht zu wissen braucht», schreibt Dahm 1951.
Dennoch wird in der grossen Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau der spannenden Biografie von Helen Dahm viel Platz eingeräumt. Sie bildet den Hintergrund für die über 170 Werke, welche die grosse Retrospektive versammelt hat. Die Künstlerin wurde über 90 Jahre alt, und so spiegelt ihre vielschichtige Entwicklung auch die Umwälzungen der Moderne und beinahe ein Jahrhundert Kunstgeschichte.
Der Start war nicht leicht, denn Ende des 19. Jahrhunderts gibt es für Künstlerinnen kaum Ausbildungsmöglichkeiten. Als Frau darf sie an der Kunstgewerbeschule Zürich nur bei den Abendkursen hospitieren. Deshalb besucht sie die private Kunst- und Kunstgewerbeschule für Damen der Malerin Luise Stadler – insofern es die Arbeit in der Studentenpension der Mutter zulässt.
Helen Dahms Frühwerk, das viele dramatische Landschaften im Stil der Spätromantik zeigt, endet im «Gewitter» eines radikalen Entschlusses: Sie verlässt die Familie, um mit der Freundin Else Strantz in die Kunstmetropole München zu ziehen.
München um 1900 ist die Stadt der Avantgarde, der Schwabinger Boheme und die Stadt der Künstlerinnen aus ganz Europa, die nicht akzeptieren wollen, dass die offiziellen Kunstakademien sie ablehnen. 1912 publiziert die Künstlergruppe Der Blaue Reiter den gleichnamigen Almanach, der als Inspirationsquelle für Helen Dahm identifiziert werden kann. Sie lernt Gabriele Münter und andere Protagonisten des Blauen Reiters persönlich kennen. Helen Dahms «Mystische Figur» (o.D.) (Abb.) erinnert an Franz Marcs «Schlafende Hirtin» und seine Tiermotive. Dahm ist wie Marc von Tierdarstellungen antiker Hochkulturen fasziniert: Und während er 1911 schrieb, die Perser und Ägypter seien als «Sprungbrett» zu benutzen, ging Dahm noch weiter, indem sie 1946 in einem Brief formuliert: «Bilder sind nur Sprungbretter.»
Die rastlose Pionierin ist zeitlebens auf der Suche nach Spiritualität, nach dem Wesen der Dinge. Und während die Landschaften in Helen Dahms Frühwerk noch menschenleer sind, werden sie in den Grafiken der 1910er-Jahre zu «Bühnen» für tänzerische Aktdarstellungen. Die bewegten Körper sind Hinweise auf den in jener Zeit aufkommenden Ausdruckstanz.
Helen Dahm wurde 1917 Mitglied des Schweizer Werkbundes und so entstanden auch bedruckte Tapetenstoffe, Gefässe und andere Alltagsobjekte. Kunst und Leben sollten sich durchdringen. Doch Helen Dahm erwähnte diese Werke nie wieder und so sind viele dieser faszinierenden Zeugen der kulturellen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts nun erstmals in einer Ausstellung präsentiert. Sie gerieten vielleicht auch deshalb in Vergessenheit, weil die Nähe zum Handwerk auf dem Weg zur Anerkennung als Künstlerin als hinderlich erfahren wurde.

Aufs Land!
1919 entscheidet sich Helen Dahm mit Else Strantz nach Oetwil am See ins Zürcher Oberland zu ziehen. Der Umzug ist eine persönliche Entscheidung, aber auch Symptom der Suche einer Künstlergeneration nach einem selbstbestimmten, naturnahen Leben im Rhythmus der Natur und nach der vermeintlichen Ursprünglichkeit des Landlebens.
«Sie müssen diesen Garten schön hübsch aufbewahren, es ist ein Stück vom wiederhergestellten Garten Eden», schreibt Max Eichenberger in einem Brief an Helen Dahm. Doch die Künstlerin ist eine rastlose Grenzgängerin. Nach der Trennung von Else Strantz lernte Helen Dahm über einen neuen Freundeskreis einen indischen Guru kennen, dem sie 1938 mit vier Freundinnen bis nach Meherabad folgt. Zurück in Oetwil werden die farbig leuchtenden Gärten mehr und mehr Anlass, in ihren Bildern die Wirklichkeit zu überwinden. Helen Dahm umarmt mit ihrem Werk die Welt und fühlt sich als vom Kosmos Geküsste. So sind auch Helen Dahms Schlussworte bei der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Zürich 1954 zu verstehen: «Ich danke und sage zum Abschied meiner paar Worte, ein Kuss der ganzen Welt.»

 


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Sonett

«Wie kann man Blumenbilder malen beim Anbruch einer neuen Zeit?»
Helen Dahms erstaunliche Fähigkeit, bis ins hohe Alter intensiv zu experimentieren, resultierte aus dem unbedingten Willen nach einem authentischen künstlerischen Ausdruck, nach Wahrheit. So ruft sie 1957, als sie vom Flug des ersten Sputniks erfährt: «Wie kann man Blumenbilder malen beim Anbruch einer neuen Zeit?» Angesichts des menschlichen Vordringens in den Weltraum, diesen grenzenlosen, göttlichen Naturraum, ist für sie der Schritt zur gegenstandslosen Malerei unabdingbar. In virtuoser Weise beginnt die knapp 80-Jährige, Farbe in Schütt- und Verfliessprozessen über grosse Leinwände zu lenken. Ihre Drippings erinnern an Jackson Pollocks ab 1946 entwickelte Action Paintings. Helen Dahm ist in ihrer unermüdlichen Suche nach Grenzüberschreitung und Horizonterweiterung noch heute eine inspirierende Persönlichkeit. «Ich fange jeden Tag an, als wäre es der erste und zugleich der letzte», notierte Helen Dahm einmal. Dieser Aussage folgt man nach dem Ausstellungsbesuch gern.

Ausstellung

Helen Dahm – Ein Kuss der ganzen Welt
Bis 25. August 2019

Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen
www.kunstmuseum.ch

Text: Stefanie Hoch, Kuratorin Kunstmuseum Thurgau, Kartause Ittingen
Bild: Helen Dahm, «Rosen in weisser Schale» (Detail), um 1930, Öl auf Leinwand, 80 x 74 cm, Kunstmuseum Thurgau

 



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