sprich:[kult] Kultblatt seit 1979

Konstanz im Nationalsozialismus 1933 – 1945

13.07.2022 | QLT Redaktion

Erinnerungsfoto am Konstanzer Hafen –
Trachtenmädchen mit SA-Männern im Konstanzer Hafen, um 1935. © Rosgartenmuseum Konstanz

Am Freitag, den 24. Juni wurde die neue Dauerausstellung „Konstanz im Nationalsozialismus. 1933 bis 1945“ im Rosgartenmuseum in Konstanz eröffnet. Die neue Ausstellung zeigt, wie ab 1933 Freiheit und Rechtsstaat untergingen und erinnert an Verfolgung und Widerstand. Genau vier Monate zuvor sind mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine kriegerische Handlungen wieder zur europäischen Gegenwart geworden. QLT hat mit Dr. Tobias Engelsing, dem Direktor der Städtischen Museen, über die Ausstellung gesprochen.

QLT: Hr. Dr. Engelsing – Das Thema Krieg ist heute bedrückend aktuell. Wie lange zuvor haben Sie die Dauerausstellung geplant? Haben die Entwicklungen in den letzten Jahren in der Ukraine bereits dazu beigetragen, eine solche Ausstellung in Konstanz zu etablieren?
Aktuelle Ereignisse sind schnelllebig, man kann sie nicht so mal eben schnell zum Anlass einer Ausstellung machen. Außerdem haben historische Ausstellungen eine lange Vorlaufzeit, man muss Objekte sammeln, Geschichten und Dokumente wissenschaftlich korrekt recherchieren. Wir haben an dieser neuen Ausstellung über ein Jahr lang gearbeitet. Durch den russischen Überfall auf die Ukraine hat das Thema aber eine ungeahnte Aktualität bekommen.

QLT: Woher haben Sie all die Ausstellungsstücke? Hatten Sie Schwierigkeiten bei der Beschaffung?
Auf einen Aufruf in den regionalen Medien hin meldeten sich zahlreiche Nachfahren von Konstanzerinnen und Konstanzern, die das „Dritte Reich“ und den Zweiten Weltkrieg als Jugendliche oder junge Erwachsene erlebt haben – als Opfer und Verfolgte des Terror-Staates, als Mitläufer oder als schuldig Gewordene. Aus Erinnerungsstücken, Briefen, Fotoalben, Feldpostbriefen oder aus den letzten Briefen der nach Gurs deportierten Konstanzer Jüdinnen und Juden scheint die ganze Bandbreite des Alltags in der NS-Diktatur auf. Auf der Basis dieser Quellen und Fundstücke und aus der eigenen, über Jahre angelegten Sammlung konnten wir eine berührende Ausstellung gestalten.

QLT: Das Aufkommen autoritärer und totalitärer Regimes ist heute – 77 Jahre nach Ende der Nazi Herrschaft – offensichtlich weiter möglich. Haben die Menschen nichts gelernt? Wie lange ertragen Menschen Unrecht und Schweigen, bevor sie aufstehen und Widerstand leisten?
Die Frage musss eher lauten: Wie leicht beteiligen sich Menschen am staatlichen Unrecht, wie einfach ist es noch immer, Opportunisten und Nutznießer zu finden und zu mobilisieren, die keinerlei Probleme haben, andere Menschen zu verraten, zu betrügen und selbst schändliche Taten zu begehen? Oder anders gefragt: Was zeichnet die Wenigen aus, die bereit sind, unter eigener Gefährdung in gefährlichen Zeiten Bedrohten zu helfen, obwohl das verboten ist? Wir Heutigen tun ja immer so, als wären wir selbstverständlich ab 1933 alle im Widerstand gewesen. Das ist natürlich ein Wunschdenken: die Meisten hätten sich angepasst und mehr oder weniger begeistert mitgemacht. Für uns Heutigen heißt das: Es bleibt eine zeitlose Aufgabe, Mut und Menschlichkeit zu trainieren.

QLT: Der zweite Weltkrieg liegt für jüngere Menschen in ferner Vergangenheit. Wie wollen Sie diese Zielgruppe erreichen, um gegen das Vergessen zu wirken?
Wir haben über Konstanz im Nationalsozialismus einen sehr anschaulichen, sehr konkreten und direkten Dokumentarfilm gedreht, in dem Filmaufnahmen aus den 1930er Jahren zu sehen sind, aber eben auch die Verbrechen und das mutige Verhalten Einzelner dokumentiert sind. Ein solcher Film kann junge Menschen leichter ansprechen, als ein dickes Buch zum Thema. Dieser Film läuft permanent in unserem Museumskino. Außerdem ist unsere Ausstellung mit Filmszenen, Hörstationen und interaktiven Angeboten bestückt, da finden gerade junge Menschen anrührende Geschichten.

QLT: Was genau kann man in der Ausstellung sehen und lernen?
Wir erzählen mit berührenden Ausstellungsstücken, Bildern, Filmsequenzen und Geschichten vom Alltag der Konstanzerinnen und Konstanzer in der Diktatur. Wer sich den Film ansieht und die Ausstellung wird sich vermutlich leichter die Frage beantworten können, ob er oder sie Mut gehabt hätten, anständig zu bleiben, hätten sie in dieser Zeit leben müssen.

QLT: Gibt es ein Rahmenprogramm zur Ausstellung?
Im umfangreichen Rahmenprogramm bieten wir Führungen, Exkursionen, historische Stadtspaziergänge, spezielle Themen für Jugendliche und viele Möglichkeiten, auf eine lebensnahe Weise mehr von der Vergangenheit der eigenen Stadt zu erfahren.

QLT: In der heutigen Zeit wird überall am Kultur-Budget gekürzt. Wie haben Sie es geschafft, diese neue Ausstellung zu finanzieren?
Der Gemeinderat stellt uns einen jährlichen Ausstellungsetat zur Verfügung. Ungefähr die gleiche Summe müssen wir an sogenannten „Drittmitteln“, also Spenden, Stiftungs- und Fördergelder selber einwerben, um vor allem auch die moderne, digitale Gestaltung einer solchen Ausstellung finanzieren zu können. Ohne die Konstanzer Museumsgesellschaft, die Werner Konrad Siegert-Stiftung und die Projektgelder, die wir auch aus der Schweizer Nachbarschaft erhalten, wäre diese Arbeit so nicht möglich.

QLT: Sie haben soeben ein neues Buch über Ihren Vater veröffentlicht, der Produzent der reichsdeutschen Filmindustrie und zugleich Unterstützer der Widerstandsbewegung „Rote Kapelle“ war. Dadurch war er nach Ihren Worten im Nationalsozialismus Opportunist und Mann des Widerstands zugleich. Wie schaffte er es, sich dem NS-Regime anzupassen und trotzdem zu widerstehen?
Er fand einen sehr riskanten Weg, für den Filmkonzern, bei dem er angestellt war, systemkonforme Unterhaltungsfilme zu produzieren und unter diesem Schutzmantel zugleich Verfolgten zu helfen und einer Widerstandsgruppe zuzuarbeiten. Hätten die 1942 verhafteten Freunde ihn unter der Gestapo-Folter verraten, hätte er das Kriegsende nicht erlebt. Aber sie belasteten ihn nicht und die Gestapo fand nichts bei ihm, er und seine erste Frau hatten also auch großes Glück.

Herr Engelsing, wir wünschen viel Erfolg mit der Ausstellung und herzlichen Dank für das Gespräch.

www.rosgartenmuseum.de



Kommentar schreiben




* Pflichtfelder