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Wie das Weltgeschehen Kunst beeinflusst

30.12.2021 | QLT Redaktion

Der intermediale Künstler aus Tuttlingen kombiniert digitale und analoge Arbeiten miteinander und arbeitet mit und auf den verschiedensten Medien. Egal ob Malen, Musik, Filme, Texte oder Performance – Heppelers Arbeiten sind vielseitig aufgestellt. Zuletzt hielt er einen Vortrag beim Klimastreik in Tuttlingen im November. Dieser hat einige Fragen nach dem Zusammenhang von Kunst und Aktivismus aufgeworfen.

Ist deine Performance-Kunst auch als Aktivismus zu verstehen und würdest du dich in diesem Zusammenhang als Aktivisten bezeichnen?

Jeremias Heppeler: Das ist tatsächlich schwierig. Mein Gedanke ist immer, das was ich wirklich gut kann, sind eben Mittel der Kunst. Diese will ich auch definitiv nutzen, um Themen anzusprechen und um mich klar zu positionieren, aber es wäre unfair, jedem einzelnen Aktivisten gegenüber zu behaupten, ich selbst sei Aktivist. Dazu nimmt meine Arbeit in diesem Bereich einfach einen zu geringen Teil ein. Ich kann mich nicht in die erste Reihe stellen und Parolen schreien, weil das nicht ich bin, aber ich habe andere Stärken, die ich einbringen kann.

Was macht das Weltgeschehen aktuell mit deiner Kunst?

Heppeler: Da gibt es zwei Blickwinkel: Wie arbeite ich jetzt, weil ja vieles auch nicht mehr möglich ist und was passiert inhaltlich. Vieles hat sich ins Digitale verschoben, ich habe zwar auch performt, aber vor allem Musik oder Hörspiele fürs Internet produziert. Eine ganze Künstlergeneration erlebt gerade diesen großen Einschnitt durch die Corona-Krise und das wirkt sich natürlich auf die Inhalte und deren Interpretationen aus. Ich arbeite mit meiner Band Dieter Meiers Rinderfarm und Jessica Jurassica an einem großen Science Fiction-Projekt. Der Grundgedanke ist Eskapismus. Es macht Spaß, das ewige Grau der Gegenwart hinter sich zu lassen – und doch eben genau über Probleme wie Sexismus, Rassismus, Klima- und Coronakrise nachzudenken. Wenn es so eine kollektive Erfahrung gibt, kommt man einfach nicht drum herum, es in irgendeiner Weise zu bearbeiten. Ich glaube auch, dass diese derzeitige Corona-Krise auch nur ein Teaser für das ist, was in der Klimakrise noch passieren wird.

Du arbeitest oft mit den Mitteln des „Overkills“ und der Überlagerung. Kann mit einem solchen aufgeklärt werden?

Mit dem Overkill geht ja auch eine Überforderung der Rezipienten einher, die meistens von mir gewollt ist. Das hat dann natürlich weniger mit direktem Verstehen zu tun, wohl aber, zumindest hoffe ich das, mit emotionalem Verständnis. Ich versuche oft, ein Gefühl durch bestimmte Trigger zu erzeugen, anstatt direkt auf die Frage zu antworten “Was will das Kunstwerk und der Künstler mir jetzt sagen?”.


De- und Rekontextualisierung sind zwei Aspekte im Zentrum deiner Arbeit. Wie wird das derzeitige Zeitgeschehen de- und rekontextualisiert? Kann alles de- und rekontextualisiert werden?

Alles kann re- und dekontextualisiert werden und es passiert etwas damit. Gerade auch wenn ich an Science-Fiction-Konstellationen denke. Nimm ein Problem, das jeder kennt und jeder versteht und schmeiß es in eine komplett neue Konstellation. Es ist eine einfache Geschichte von Ausgrenzung mit neuen Mitteln. Das passiert mit fast jeder Geschichte und ist auch zwingend notwendig, wie eben bei der Corona Thematik oder bei Themen wie Kriegs- und Terrorerfahrung. Das ist eine Art der Aufarbeitung: Immer neue Welten generieren ist das, was Kunst so spannend und herausfordernd macht.

Nimmst du manchmal alte Kunst von dir und setzt sie in einen neuen Kontext?

Ja, es passiert immer wieder, dass ich Zitate oder Sätze, die mir besonders gut gefallen wieder verwende und in etwas Neues pflanze. Das sind sind Fragmente, Motive oder auch Techniken, die immer wieder vorkommen. Etwa die Art wie ich schneide beim Film, also schnell aufeinanderfolgenden Collagen. Da gibt es sicher ein Spurennetz, das vielleicht nur mich interessiert oder das nur ich erkennen kann.

In deinem Vortrag beim Klimastreik hast du auch das versteckte Porträt der Menschheit angesprochen, das an die Oberfläche tritt, weil wir so viele Klimaprobleme ignorieren. Wenn du es auf ein Medium deiner Wahl bringen könntest, wie sähe das versteckte Porträt der Menschheit aus?

Es müsste eine Überlagerung sein, in der alles stattfindet. Um einen dysfunktionalen Soundtrack kommt man dabei auch nicht drum herum, weil der am direktesten Gefühle transportieren kann. Wahrscheinlich wäre es eine Mischung aus Bild, Musik und Text. Ich glaube nur mit einzelnen Bildern wird man dem nicht mehr Herr, einfach weil dann viel zu schnell direkte und vielleicht plumpe Metaphern auftauchen. Außerdem laden Bilder dermaßen dazu ein, manipuliert und missverstanden zu werden.

In deinem Comedy-Vortrag „This is how I feel“ sprichst du die Möglichkeit an, Gerüche mit Assoziationen zu verbinden. Welches Gefühl müsste in welchen Geruch konvertiert werden, damit die Politik aufwacht, wie du es dir wünschst?

Ich bin da schon sehr desillusioniert, denn alle wissenschaftlichen Warnungen werden von der Politik ignoriert, um die Wirtschaft zu schützen. Es wird immer gewartet, bis man mit dem Rücken zur Wand steht, anstatt Mut durch schnelle Reaktionen zu beweisen. Wahrscheinlich bräuchte es einen Warngeruch wie Rauch. Das suggeriert sofort auf Panik, weil das ein Urinstinkt ist. Aber es riecht leider schon durchgehend nach Feuer und das ist frustrierend, erschreckend und macht Angst. Trotz all dieser schlimmen Sachen, muss man seinen Weg einfach gehen.

Apropos Weg: Wie sieht dein künstlerischer Weg in nächster Zeit aus, was für Projekte sind geplant?

Ich schreibe gerade an einem Theaterstück in Zusammenarbeit mit dem Theater Lindenhof über den Baden-Württembergischen Staatsminister Eugen Bolz, der im dritten Reich hingerichtet worden ist. Am 9. Dezember kommt ein elektronischer Song mit der Videokünstlerin Johanna Mangold und dem Produzenten Matthias Merk aus Stuttgart raus.
Im Kunstraum Kreuzlingen entsteht dann ab Februar zusammen mit Jessica Jurassica und DAIF eine Ausstellung, während wir dort einen Science-Fiction Film drehen. In den Pfingstferien erarbeiten Veronika Fischer und ich im Neuwerk in Konstanz einen Workshop mit Kindern über Roboter-Geschichten. Das nächste Jahr wird also das Science-Fiction-Jahr werden.

www.jeremiasheppeler.de

Text: Jamie-Lee Merkert
Fotos: Jeremias Heppeler



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