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QLT im Interview mit Ramses Alfa

16.10.2019 | QLT Redaktion

Ramsès Alfa Foto: Theater Konstanz/Mario Böhler

Ramsès Alfa wurde 1968 in Togo geboren. Er ist Autor, Schauspieler und Regisseur. 2007 war er Stipendiat des Internationalen Forums bei den Berliner Festspielen. Mit dem Theater Konstanz verbindet ihn eine langjährige, freundschaftliche Zusammenarbeit. Seine erste Arbeit war 2009 die Inszenierung des Stückes „Bericht für eine Akademie“ von Franz Kafka. 2010 spielte er den Mehdi in Anne Habermehls Stück „Letztes Territorium“. In Kooperation mit seiner Compagnie de Louxor de Lomé entstand 2011 „Warten auf Godot“ mit einem gemischten togoisch-deutschen Ensemble. In der Spielzeit 2013/2014 spielte er am Theater Konstanz im Weihnachtsmärchen „Pinocchio“. 2015 kehrte Ramsès Alfa ans Theater Konstanz zurück, um in der Rolle des Cimarrón eine Brücke von Afrika über Kuba nach Konstanz zu schlagen. Es folgte in der Spielzeit 2015/2016 das Weihnachtsmärchen für die Kleinen „Die Geschichte vom Onkelchen“ und in der Spielzeit 2017/2018 spielte er den Sultan Saladin in „Nathan der Weise“, in der Saison 2018/2019 den Alpha in „Wer hat Angst vorm weißen Mann“ sowie Chocolat in „Foottit und Chocolat“. „Ngunza – Der Prophet“ ist seine zweite Regiearbeit am Theater Konstanz.

QLT: Du leitest die Compagnie de Louxor de Lomé. Wie sieht Euer Engagement, Spielplan und der Alltag dort aus?


R.: Wir engagieren uns dafür, dass das Schauspiel seinen Stellenwert bekommt und als vollwertiger Beruf angesehen wird. Was das Programm angeht, sind uns leider Grenzen gesetzt. Oft wird ein Stück wochenlang geprobt, um es dann nur einmal aufzuführen. Die Leute haben eine andere Theaterkultur. Beim ersten Mal schubst sich jeder gegenseitig an und dann niemand mehr. Aber es ist ein Teil unserer Arbeit, mit der Zeit ein festes Publikum zu gewinnen. Sie führt uns auf die Straße, dort gibt es immer genügend Zuschauer. Manchmal muss man sich entscheiden: im Raum vor ein paar Köpfen oder draußen vor einem großen Publikum zu spielen. Der Unterschied zu Europa ist vor allem, dass unsere Obrigkeit diese Kunst noch nicht als Beruf anerkennt. Es wird nichts für die Ausbildung getan. Es gibt keine einzige Theaterschule, keinen Fonds zur Förderung des Theaters in Togo. Man verdient kein Geld damit, kann nicht davon leben. Man muss Theater lieben, um es zu machen. Es braucht viel Mut.

QLT: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit dem Theater Konstanz?


R: Ich hatte die Gelegenheit, Herrn Christoph Nix 2007 in Togo zu treffen. Wir tauschten uns über unsere jeweiligen Arbeiten aus. Er war so freundlich, mich nach Konstanz einzuladen, damit ich sehen kann, wie das Theater in Europa aussieht. Während dieses Aufenthaltes gab er mir die Möglichkeit, eine kleine Inszenierung zu machen. Meine erste Erfahrung passte gut mit der Inszenierung von Kafkas „Bericht für eine Akademie“ und ich denke, Herr Nix fühlte, dass ich es verdient hatte, für eine weitere Erfahrung wiederzukommen, diesmal als Schauspieler. Seitdem besteht meine Verbindung zum Theater Konstanz.

QLT: Du sagtest einmal, dass die Menschen in Lomé Konstanz automatisch mit Theater assoziieren. Da wurde also eine sehr enge Verbindung geschaffen…


R: Bevor wir mit der Zusammenarbeit begannen, wusste fast niemand, dass Konstanz der Name einer europäischen Stadt ist. Durch den Doppelnamen Theater Konstanz wurde dieser das erste Mal gehört. Es gibt also viele, die denken, dass Konstanz der Name eines Theaters in Deutschland ist. Der Name Konstanz ist bekannt geworden, über alle Kooperationsprojekte, die wir in Togo mit dem Theater Konstanz geführt haben.

QLT: Was hat Dich persönlich dazu veranlasst einen „Kontinentalsprung“ zu vollziehen sowie in einer weiteren Fremdsprache zu spielen und zu inszenieren?

R: Die deutsche Sprache war mir nicht so fremd, obwohl ich kein Wort davon konnte. Ich inszenierte schon damals Brechts Stücke mit Studenten der Deutschen Abteilung an der Universität Lomé, die nur auf Deutsch auftraten. Es ermutigte mich, die Sprache zu lernen, um besser zu verstehen, was gespielt und gesagt wurde. Als ich anfing, hier auf Deutsch zu spielen, war es nicht einfach und ist es bis heute nicht. Ich brauche oft Sprachtraining. Ich sagte, wie schwierig es ist, vom Theater in Togo zu leben. Das erste Mal, dass ich ein Gehalt für die Schauspielerei erhielt, war hier in Konstanz. Wenn solch ein Glück dir zufällt, ist es ein weiterer Grund, Sprachbarrieren durch Lernen zu überwinden.

QLT: Wie spielt es sich mit international gemischten Ensembles? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?


R: Ngunza wird wirklich ein international gemischtes Projekt sein, bei dem jeder seine Kultur und Sensibilität einbringt. In Afrika sind wir diese Art von Projekten gewöhnt. Da die Menschen nicht immer die Mittel haben, diese selbstständig durchzuführen, treffen sie sich oft und machen Kooperationsprojekte. Viele ausländische Geldgeber, die Kulturprojekte in Afrika unterstützen, empfehlen diese Art von Zusammenarbeit. Es ist nicht einfach, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und unterschiedlicher Sensibilität zusammenzubringen. Wir müssen geduldig und respektvoll zueinander sein. Wir sind hier, um unsere Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen.

QLT: Fast der ganze Kontinent Afrika leidet immer unter den Ungerechtigkeiten des kolonialen Erbes. Hilft da Theater?


R: Eines ist sicher: Theater in Afrika, genauer gesagt in Togo, hat eine Funktion, die über die einfache Unterhaltung hinausgeht. Es ist ein Mittel sich zu äußern, die Gesellschaft zu kritisieren und das Bewusstsein der Bevölkerung zu schärfen. Wir leisten viel politische Orientierungsarbeit. Viele Stücke haben einige Facetten dieses kolonialen Erbes gezeigt und zeigen es immer noch. Aber es ist nicht nur das. Meiner Meinung nach sind einige der größten Probleme in Afrika heute Diktaturen, schlechte Regierungsführung, Korruption usw. All diese Fragen werden im Theater behandelt.

QLT: „Ngunza – Der Prophet“, das Schaupiel von Rafael Kohn basiert auf einer wahren Geschichte von Simon Kimbangu und ist eine Auftragsarbeit des Theaters Konstanz. Unterdrückung und der Umgang mit ihr sind die tragenden Themen. Würde eine Inszenierung des gleichen Stücks in Togo anders aussehen?


R: Ich glaube, dass ein solches Stück in Togo weniger Aufmerksamkeit erregen würde. Nicht, weil das Thema nicht wichtig ist, sondern weil es, wie so viele andere grausame Seiten unserer Kolonialgeschichte, in eine bestimmte Routine gefallen ist.

QLT: Was reizt Dich mehr? Das Schauspiel oder die Regie?

R: Schwierige Frage (lol). Es ist nicht die gleiche Art von Gefühl oder Vergnügen. Ich übergebe mich dem einen oder anderen. In Togo stehe ich hauptsächlich vor der Bühne, aber hier zum Beispiel bin ich auf der Bühne, was immer noch etwas ganz Besonderes ist. Ich war zuerst Schauspieler, bevor ich mit Theaterregie angefangen habe.

QLT: Angenommen Du hättest die freie Auswahl. Welches Stück wäre Dein Favorit als Schauspieler, welches als Regisseur?


R: „Foottit und Chocolat“ hat mich als Schauspieler sehr beeindruckt. Es war etwas ganz Besonderes, diese Mischung aus Theater und Zirkus. Ich habe die Welt des Clowns entdeckt, als ich mit Olli Hauenstein zusammenarbeitete. Es war nicht einfach, aber es war riesig. Ich werde es nie vergessen. Als Regisseur erinnere ich mich an „Le Cid en Rap“, eine Adaption vom Corneilles „Le Cid“, die ich 2002 gemacht habe. Es war eine Mischung aus Rap und Theater. Die Pentameter (Alexandrins) waren für Rap sehr geeignet. Einige der künstlerischen Mitarbeiter waren Rapper und andere Schauspieler. Wir haben zuerst daran gearbeitet, sie zum Austausch zu bringen, voneinander die Kunst des anderen zu lernen. Es war ein großer Erfolg in Westafrika.

QLT: Was sind Deine persönlichen Ziele? Wie siehst Du die Zukunft der Compagnie de Louxor de Lomé?


R: Mein persönliches Ziel ist es, weiterhin auf der Bühne zu stehen. Ich stehe jedem Theater zur Verfügung, das mich braucht. Gleichzeitig habe ich die Herausforderung, meine Arbeit in Togo mit meiner Truppe fortzusetzen. Vor einigen Monaten haben wir mit Unterstützung des Vereins „Theater in Afrika“ und vielen Spendern ein kleines Haus in Lomé gekauft, aus dem ein Theater entstehen soll, das gleichzeitig Sitz der Compagnie de Louxor sein wird. Wir werden daran arbeiten, diesen Ort mit einem guten Programm und regelmäßigeren Produktionen zum Leben zu erwecken. Die Compagnie de Louxor wird jedoch nicht mit Straßentheater und Projekten in ländlichen Gebieten aufhören.

Das Interview führte Christina Fischer-Bergmann



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