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Interview – mit den Machern von THE VIEW

10.07.2019 | QLT Redaktion

QLT: THE VIEW feiert in diesem Jahr sein 10-jähriges Bestehen. Mit seinem Format, Contemporary Art in diesen für Kunst ungewöhnlichen Orten zu zeigen, ist es vermutlich einzigartig?!

Antoinette Airoldi: „Einzigartig“ als Attribut im Kontext mit zeitgenössischer Kunst und THE VIEW zu verwenden, ist ein grosses Wort. Aber etwas Besonderes, Eigenständiges und vielleicht auch Eigenwilliges, ja, das ist THE VIEW auf jeden Fall! Für uns und unsere Besucher ist es schon etwas Spezielles, in einem alten stillgelegten Wasserreservoir, einem militärischen Unterstand oder dem Zivilschutzkeller von Salenstein und einer ehemaligen Schreinerei zeitgenössische Kunst nicht nur plakativ zu betrachten, sondern sie in „nicht Art-verwandten“ Locations emotional und bisweilen auch interaktiv zu erleben. Die etablierten White Cubes, die man in Museen oft antrifft, waren eher nicht im Fokus oder besser im „View“ unserer Orientierung. Vielmehr waren wir fasziniert von den eigenständigen und sich mehrheitlich unter Tage befindlichen Räumen von THE VIEW, Räumen, die an sich bereits eine Begehung rechtfertigen würden.
Sicher stellt die Verknüpfung der ehemaligen Nutzung mit zeitgenössischer Kunst eine Herausforderung dar – sowohl für das Galerieteam als auch für den Betrachter. Sind erste emotionale Barrieren aber erst einmal überwunden, bleibt ein Erlebnis mit vielschichtigen Empfindungen und Assoziationen. An Bilder in Museen erinnert man sich oft noch knapp ein zwei Tage, doch ein Erlebnis z.B. im Wasserreservoir, das eine Kathedralen ähnliche Akustik hat, bleibt in Erinnerung. Wer einmal da war, kommt meist wieder – gespannt, wie sich diese Kunsträume durch die jeweils präsentierten Werke wieder verändert haben. Die Räume sind anspruchsvoll in ihrer jeweiligen Eigenständigkeit, aber wenn man sich – Künstler wie Betrachter – darauf einlässt, entstehen Erlebnisse.

QLT: Wie kam es damals zur Idee dieses Projekt in diesen außergewöhnlichen Räumlichkeiten auf die Beine zu stellen?

Antoinette Airoldi: Wie so oft im Leben hat uns der Faktor „Zufall“ zu unserem Glück verholfen. Auf der Suche nach einem Lagerraum fanden wir in Salenstein den Zivilschutzkeller. Da kam uns der Gedanke, Kunst in einer geradezu isolierten Distanz unter Tage zu zeigen. Als wir uns intensiver mit dem Thema dieser „Art-fremden“ Präsentation befassten, waren wir überrascht, was die engste Region an einzigartigen Spaces zu bieten hat. Die Idee, Räume, an denen man mehrheitlich achtlos vorbeigeht, als installative Plattform für zeitgenössische Kunst zu nutzen, faszinierte uns vom ersten Moment an.

QLT: Wer steht als Macher hinter dem Projekt – gibt es auch Förderer und Unterstützer oder ist es eine private Initiative?

Antoinette Airoldi: Ein Projekt wie THE VIEW lebt immer von und mit vielen Akteuren und Menschen. Der Einzelne mag als Impulsgeber funktionieren. Insofern sind Dierk Maass und ich als das Galerieteam sicher die massgeblichen Macher von THE VIEW. Nicht ausser Acht lassen darf man aber auch die stetig steigende Zahl vieler Künstler und Kunstfreunde, deren nachhaltiges Interesse der Plattform THE VIEW zu einem etablierten Platz in der Szene verholfen hat.

QLT: Den Machern liegt es auch daran, neben regionalen Künstlern, Arbeiten von internationalen Künstlern zu zeigen – vor allem im installativen Bereich sind Künstler für euer Format sehr geeignet, um die Räume zu bespielen. Wie trefft ihr die Auswahl?

Antoinette Airoldi: Unsere Künstler finden uns bzw. wir finden sie auf den unterschiedlichsten Wegen. Wir präsentieren uns regelmässig auf Ausstellungen sowie auf inter-/nationalen Kunstmessen. Hier werden nicht nur Besucher, sondern auch Kunstschaffende auf uns und das Konzept der „contemporary art spaces“ aufmerksam. Auch über verschiedene Kooperationen und befreundete Galeristen finden Künstler den Weg zu THE VIEW. Nach 10-jähriger Ausstellungszeit erfreut sich THE VIEW einer zunehmenden Bekanntheit, so dass nationale wie internationale Kunstschaffende oder auch Galerien immer öfter den direkten Kontakt zu uns suchen. Natürlich müssen sich die Kunstwerke grundsätzlich für unsere Räume eignen und in unser Konzept passen. Hierzu besuchen wir wann immer möglich die Künstler im eigenen Atelier, um auch den Menschen hinter einem Werk persönlich kennenzulernen. Meistens kommt es dann zu einer spannenden und für beide Seiten bereichernden Zusammenarbeit.

QLT: Werden die Arbeiten für den Ort speziell konzipiert, um eine gewisse Referenzialität zum Ort selbst herzustellen?

Antoinette Airoldi: Gerade in den unterirdischen Räumlichkeiten sind ortsspezifische Arbeiten natürlich besonders spannend. In der Regel lassen sich unsere Künstler gerne von der speziellen Atmosphäre des Zivilschutzbunkers, des militärischen Unterstands und/oder des Wasserreservoirs inspirieren. Es ist unglaublich faszinierend zu sehen, wie sich die Orte durch die verschiedenen Werke und Installationen jedes Mal vollkommen anders und immer wieder aufs Neue aussergewöhnlich präsentieren. Diese adaptierten Werke z.B. von Chris Larson, Yves Netzhammer, Mischa Kuball, Boris Petrovsky, Björn Schülke und Teresa Diehl bleiben uns und unseren Besuchern dann immer sehr eindrücklich in Erinnerung.

QLT: Welche Künstler haben THE VIEW besonders geprägt oder sind für euch persönlich auch eine wichtige Begegnung gewesen?

Antoinette Airoldi: Diese Frage kann eigentlich nicht beantwortet werden. THE VIEW und das, was heute den besonderen Reiz unserer Galerie ausmacht, beruht auf einer Vielzahl von einzigartigen und wichtigen Begegnungen mit Künstlern und deren Kunst. Natürlich gab es Publikumsmagnete wie die Installationen von Sommerer & Mignonneau oder Teresa Diehl. Aber auch die frühen Ausstellungen sowie die grossformatigen Fotografien von Dierk Maass machten THE VIEW zu dem, was es heute ist. Sicher war es ein besonderer Glücksfall, dass wir Teresa Diehl (USA) gleich zwei Jahre in Folge für THE VIEW gewinnen konnten. Sowohl sie als Person als auch ihre raumgreifenden, politischen wie emotional unter die Haut gehenden Installationen haben das ganze Team von THE VIEW sowie auch unsere Gäste auf besondere und nachhaltige Weise berührt. Das von THE VIEW angekaufte Werk „Post Revolution“ wurde nach seiner ersten Vorstellung am Bodensee im mecklenburgischen Künstlerhaus „Schloss Plüschow“ präsentiert und wird ab September 2019 im Kunstmuseum Schwerin zu sehen sein.

QLT: Wie hat sich THE VIEW in den letzten zehn Jahren insgesamt entwickelt?

Antoinette Airoldi: Die Ausstellungstätigkeit von THE VIEW hat sich in den letzten zehn Jahren enorm ausgeweitet. In unseren eigenen Räumlichkeiten realisieren wir inzwischen 4 Ausstellungen pro Jahr. Hinzu kommen Ausstellungen und Messeteilnahmen im In- und Ausland. Auch unser Rahmenprogramm wurde intensiviert. So fanden neben reinen Ausstellungen auch zahlreiche Künstlergespräche und Events statt. All das kann man auf unserer Webseite www.the-view-ch.com nachlesen.

QLT: Was wird im Jubiläumsjahr gezeigt? Worauf dürfen sich die Besucher freuen?

Antoinette Airoldi: In unserer aktuellen Ausstellung THE VIEW 2019, die in allen vier Räumlichkeiten stattfindet, zeigen wir eine Retrospektive auf die letzten zehn Jahre unserer Ausstellungszeit. Besucher dürfen sich auf eine vielseitige Ausstellung mit mehr als 90 Werken von 28 Künstlern freuen. Wir zeigen Arbeiten aus unserer eigenen Sammlung sowie Werke „unserer“ Künstler, die bei uns zum Teil noch nie zu sehen waren. Es ist ein spannender Querschnitt zeitgenössischer Kunst mit Malerei, Skulptur/Plastik, Installation, Fotografie und Videokunst.

Das Interview führte Jasmin Hummel, Bild: Boris Petrovsky Desiderate

Infos zur aktuellen Ausstellung

Bis zum 29.9.2019 kann die Ausstellung wie üblich nach
Anmeldung im Rahmen einer Führung besucht werden.
Termine unter +41 (0)71 669 19 93 oder info@the-view-ch.com
www.the-view-ch.com