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Idyllen zwischen Berg und See – im Rosgarten Museum

14.07.2021 | QLT Redaktion

Konstanz von Südwesten, Jacob Suter, nach Zeichnung von Johann Jacob Wetzel, kolorierte Aquatinta, um 1832, Rosgartenmuseum Konstanz

Die schönsten kolorierten Lithografien, Gouachen und Darstellungen des großen Naturraumes zwischen Säntis und Rheinfall zur Zeit seiner touristischen Entdeckung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt des Rosgartenmuseums Konstanz mit den Schweizer Museen Turmhof Steckborn, Volkskundemuseum Stein, Museum Appenzell, Museum Rosenegg, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen, Museum Herisau, vorarlbergmuseum Bregenz und namhaften Privatsammlern.

QLT hat mit dem Direktor der Städtischen Museen – Dr. Tobias Engelsing – über die Ausstellung und die „Wieder“-Öffnung nach zwei Corona Lockdowns gesprochen.

Tobias Engelsing (60), promovierter Historiker und vielfacher Buchautor, leitet als Direktor seit 2007 die vier Städtischen Museen von Konstanz.

QLT: Herr Dr. Engelsing – wie ist das Rosgartenmuseum durch die Pandemie gekommen und welche positiven Aspekte (z.B. das berühmte „in sich Gehen“ und neue Perspektiven und Visionen entwickeln lassen) können bzw. konnten Sie als Museumsdirektor dieser Zeit abgewinnen?

TE: Unser Museumsteam hat so gut es ging weitergearbeitet: Wir haben neue Ausstellungen und Publikationen vorbereitet, einen Dokumentarfilm gedreht und unser junges Team hat die neue Abteilung „Digitale Angebote“ aufgebaut. Ich selbst habe die Zeit auch genutzt, um die strategischen Ziele der nächsten vermutlich sehr schwierigen Nach-Corona-Jahre zu definieren. Die Grundidee ist: Museen müssen attraktiv für viele Bevölkerungsgruppen gestaltet sein, aber sie sollen kein Disneyland werden. Ihre Aufgabe bleibt das Sammeln und Vermitteln, damit Menschen bei uns auch lustvoll etwas dazu lernen können.

QLT: Wie beurteilen Sie gesellschaftspolitisch die Entwicklung des Tourismus, wie er sich heute darstellt und wie schätzen Sie persönlich ein, wohin die sprichwörtliche Reise gehen wird bzw. gehen kann?

TE: Die erzwungene Stille und Ereignislosigkeit des Lockdowns haben mir vor Augen geführt, wie aggressiv, selbstbezogen und verschwenderisch unser Freizeitverhalten in der reichen westlichen Welt geworden ist. Jugendliche tun so, als wäre „Malle-Fliegen“ ein politisches Grundrecht und die Alten reisen um die Welt, als ob es keine Klimaerwärmung gäbe. Das muss und wird sich ändern. Darin aber liegt eine Chance für andere, einfachere, ressourcenschonendere Konzepte, wie sie im Voralpen- und Bodenseeraum schon gepflegt werden. Wir müssen unseren Lebensstil so verändern, dass man hierzulande auch in 50 und 100 Jahren noch leben und arbeiten kann.

QLT: Inwieweit unterscheidet sich der „Nutzwert“ von touristischen Reisen heute von dem aus vergangenen Zeiten, wenn man überlegt, wie teilweise spartanisch, aber auch geerdet und vielleicht abenteuerlich der Transport und die Unterbringung damals anmuteten?

TE: Wir machen unsere Ausstellung „Idyllen zwischen Berg und See“ auch, um die Diskrepanz zumindest sichtbar werden zu lassen: Vor 200 Jahren gab es nur die Postkutsche, um mit Gepäck von Stuttgart an den Bodensee zu gelangen. Und dort warteten noch keine Romantikhotels, sondern verlauste Absteigen mit saurem Wein und betrügerischen Wirten. Das war also immer ein Abenteuer, sich auf Reisen zu begeben.

QLT: Der Bodensee und die angrenzenden Alpen waren „früher“ doch sehr provinziell und ländlich – um nicht zu sagen „düster“. Wie konnte diese Gegend so einen steilen Aufstieg machen und zu einem der gefragtesten Reiseziele werden?

TE: Die großen Fortschrittstreiber waren die publizistische Entdeckung der Schweiz, vor allem der beiden Kantone Appenzell, als demokratisches Sehnsuchtsland, gefolgt von der Gründung von Dampfschiffgesellschaften am Bodensee und der Bau von Eisenbahnen ab 1850. Dann kamen die sogenannten „Molkenkuren“, also das heilkräftige Trinken von Käsewasser, das Wandern, der Bau von Berghütten und Hotels. Ab 1875 waren Voralpenraum und Bodensee Top-Reiseziele für Naturfreunde aus ganz Europa.

QLT: In welcher Weise spiegelt die Kunst den Bodensee und seine Wandlung zum Touristenmagnet wider?

TE: Die ersten, um 1830 in größeren Auflagen gedruckten Ansichten vom Voralpenland und vom Bodensee sind zarte Idyllen, die eine romantisch verklärte Ideallandschaft zeigen. Und doch zeigten sich mit dem Dampfschiff schon die Zeichen des heraufziehenden Industriezeitalters. Später finden sich auf Ansichten auch rauchende Industrieschlote, denn man war stolz auf die neuen Fabriken.

QLT: Hat denn die Bodenseeregion auch anderweitig z.B. in Industrie und Handel von diesem Trend profitiert?

TE: Die Ostschweiz, vor allem das Appenzellerland und St. Gallen, haben seit dem 18. Jahrhundert eine große Karriere als bedeutende Standorte der Textilproduktion gemacht. Schweizer Textilkaufleute beteiligten sich übrigens auch am transatlantischen Handel mit Baumwolle, europäischen Gütern und Sklaven. Am Bodensee gab es 200 Jahre lang Ausläufer dieser erfolgreichen Textilbranche, aber eine volle Industrialisierung hat sich wegen fehlender Handelsrouten und schlechtem Zugang zu den großen Absatzmärkten nicht ergeben. So blieb hier vieles Idylle – bis heute.

QLT: Wenn wir heute etwas über eine Gegend erfahren möchten oder vielleicht einen Urlaub planen – kein Problem: Google, facebook & Co. sind jederzeit verfügbar. Aber wie haben sich die Menschen DAMALS informiert… und wie haben Anbieter der Tourismusbranche für sich geworben?

TE: Der Dichter Gustav Schwab hat 1836 den ersten Reiseführer „Der Bodensee nebst dem Rheintale“ geschrieben, bald darauf folgten der erste Baedeker und vielgelesene Reisehandbücher anderer Verlage. Das „Kursbuch“, der Wälzer mit allen Dampfschiff- und Eisenbahnverbindungen und den Fahrtzeiten war die zweitwichtigste Lektüre jedes Reisenden. Diese Reiseführer sind bis heute ein Genuss, weil sie viel drastischere Urteile wagten, als die anzeigenfinanzierten Werbepostillen unserer Tage, wo alles nur noch als „total romantisch“ und „garantiert regional“ gelobt wird.

QLT: Herr Dr. Engelsing, in einer Vitrine Ihrer Schau sieht man eine typische Kombination von Hose, Rock, heute würde man sagen „Herrenanzug“. Welche Kleidungstrends galten denn früher- und welche heute?

TE: Als die ersten Reisenden zur „Sommerfrische“ an den Bodensee und ins Appenzellerland kamen, führten sie gigantische „Schrankkoffer“ voller Tages- und Abendkleidung mit sich. Der Herr trug abends Frack, tagsüber hellen Leinenanzug, die Dame leichte Seiden- oder Chiffonkleider, abends üppige Taftroben. Manchmal frage ich mich, was eleganter war: Diese übermontierte Mode von 1880 oder die T-Shirts über Bierbäuchen und Männerbeine in Schlabbershorts unserer Tage?

QLT: An wen richtet sich denn die Ausstellung?

TE: Bei uns und unseren Partnermuseen der Ostschweiz gibt es keine spezielle Zielgruppe: Unsere Ausstellung soll vielen Menschen Spaß machen, man soll Unbekanntes entdecken, Geheimnisvolles enträtselt bekommen und nebenbei erfahren, wie unsere Urgroßeltern diese wunderschöne Welt erlebt und behandelt haben.

Rosgartenmuseum Konstanz
Rosgartenstraße 3-5, 78462 Konstanz
www.rosgartenmuseum.de

Öffnungszeiten
Mo-Fr: 10:00 – 18:00 Uhr
Sa-So: 10:00 – 17:00 Uhr



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