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Gemeinwohl-Ökonomie – Ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft

14.10.2020 | QLT Redaktion

Am 13.11. veranstaltet die „Gemeinwohl-Ökonomie“ in Konstanz ein Symposium mit dem Thema „Gemeinwohl-Region Bodensee“. Die Gemeinwohl-Ökonomie taucht in der aktuellen politischen Diskussion immer wieder als neuer Ansatz auf, der die Versöhnung von Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie verspricht. Wie soll das gehen? Welche Konzepte stehen dahinter?

„Wir leben in einem wirtschaftlichen System, das sich tief in unseren Köpfen und unseren Institutionen festgesetzt hat. Es behauptet, alternativlos zu sein – und ist es in unserem täglichen Leben auch. Denn es ist der bestimmende Faktor für sehr viele unserer Entscheidungen und wir haben oft keine oder nur ganz wenige Alternativen.
Seit die Wissenschaft uns immer deutlicher vorhersagt, dass dieses System – trotz seiner angenehmen Aspekte – unser Überleben bedroht und es ganz offensichtlich sehr gefährliche soziale Nebenwirkungen hat, führt diese scheinbare Ausweglosigkeit zu einer Schockstarre, in der wir und unsere Entscheidungsträger uns nun schon viele Jahre befinden. Zu groß scheint unsere Abhängigkeit davon und die Aufgabe, dieses System zu ändern, geradezu unmöglich.

So passiert einfach fast nichts und wir starren in das Auge der Schlange. Zwar regt sich an der Basis unserer Gesellschaft Widerstand (und dann vor allem bei den Jüngeren), aber das politische System, das ja völlig verwachsen mit diesem Wirtschaftssystem ist, zeigt sich unfähig, ein Konzept gegen diese Bedrohungen von innen zu finden. Der Herzpatient kann sich eben nicht selbst operieren. Da erscheint die Leugnung der Krankheit vielen als einziger Ausweg… das nennt sich dann auch noch Pragmatismus!“

Wolfgang Läuger, Gemeinwohl-Ökonomie Baden-Württemberg e.V., Regionalgruppe KN

Darauf hat die Gemeinwohl-Ökonomie (sprich: GWÖ) eine Antwort. Sie ist angetreten, um dieses System auf demokratischem Wege zu ändern. Dazu verfolgt sie eine Strategie auf mehreren Ebenen: Als erstes weist sie daraufhin, dass die angebliche „Alternativlosigkeit“ eine Illusion ist. Es gäbe jede Menge guter Alternativen zu unseren heutigen wirtschaftlichen Konzepten. Und es bedürfe nur einer offenen Diskussion ohne ideologische Scheuklappen und einer demokratischen Entscheidungsfindung, um diese Konzepte erst im Kleinen zu erproben, damit sie dann erfolgreich im Großen umgesetzt werden können.
Danach setzt sie neue Ziele. Wie im Namen schon enthalten, soll das Gemeinwohl – oder wie sie sagt „das gute Leben für alle“ – das neue Paradigma werden, das unser Leben bestimmt und für das sich alle Wirtschaftsteilnehmer einsetzen. Die dazu gehörenden Werte sollen sich sowohl in unseren Köpfen als auch in unseren Institutionen durchsetzen.

Unser jetziges Wirtschaftssystem steht auf dem Kopf. Das Geld ist zum Selbst-Zweck geworden, statt ein Mittel zu sein für das, was wirklich zählt: ein gutes Leben für alle. 

Christian Felber, Autor des Buches „Gemeinwohl-Ökonomie“ und Mitinitiator der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung

Es soll also Schluss sein mit der „marktkonformen Demokratie“, stattdessen wird ein Wirtschaftskonzept angewendet, das auf den gleichen Werten aufbaut wie unsere Verfassung, also eine demokratie-konforme Wirtschaft.

Dazu hat die GWÖ vier fundamentale Wertebereiche einer demokratischen Gesellschaft identifiziert: Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit, sowie Transparenz und Mitentscheidung. Bei allen wirtschaftlichen Entscheidungen, Regelungen, Gesetzen und Institutionen soll immer wieder (auf demokratischem Wege) geprüft werden, ob sie diesen Werten dienen oder nicht. Die Freiheit des Einzelnen – auch ein hohes demokratisches Gut – soll so sinnvolle Grenzen bekommen, denn die Freiheit (des einen Menschen) dürfe nicht durch zu große Machtunterschiede (zu einem anderen Menschen) ad absurdum geführt werden (indem sie dessen Rechte und Freiheiten einschränkt oder verletzt).

Wenn die Wirtschaftsteilnehmer diese Werte umsetzen und dadurch gemeinwohl-orientierte Entscheidungen treffen, sollen sie vom Repräsentanten unserer Gesellschaft (sprich: dem Staat) unterstützt und gefördert werden. Wenn sie das nicht tun, sollen sie auch nicht unterstützt werden oder sogar limitiert, je nachdem, wie ernst die Bedrohung ist, die ihre Entscheidungen für die Werte der Gemeinschaft darstellen.

Zu diesem Zweck hat die GWÖ das Instrument der Gemeinwohl-Bilanz geschaffen. Damit kann eine Organisation, eine Privatperson oder ein:e Unternehmer:in in regelmäßigen Abständen ihre/seine Gemeinwohl-Orientierung erkunden und neu justieren.

„Alle sprechen davon, dass wir innovative Ideen und Konzepte brauchen, um die ökonomischen, sozialen und ökologischen Krisen zu meistern. Alle verstehen darunter eine Fortsetzung der Wachstumsökonomie, des ressourcenverzehrenden Wettbewerbs und der Herrschaft der Finanzmärkte. Die Gemeinwohlökonomie stellt demgegenüber wirklich einen neuen Ansatz dar, eine Alternative, ein anderes, intelligentes Konzept für das Wirtschaften und Zusammenleben der Menschen.“

Konrad Paul Liessmann, Österreichischer Philosoph, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist. Universitätsprofessor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien

Mithilfe der dabei verwendeten Gemeinwohl-Matrix (siehe Grafik*) werden alle Berührungspunkte des Probanden mit seiner/ihrer Welt auf diese „wertvolle“ Handlungsweise untersucht. Bei jedem der 20 Matrix-Felder werden mithilfe eines detaillierten Arbeitsbuches „Gemeinwohl-Punkte“ vergeben, die selbstverständlich dann auch zu einem Gesamtergebnis addiert werden können.

Wichtig ist die Anzahl dieser „Gemeinwohl-Punkte“ im Moment zwar noch nicht, denn an die Erstellung dieser Bilanz bzw. den erzielten Punktestand sind noch keine wirtschaftlichen Konsequenzen verknüpft. Das soll sich jedoch in Zukunft ändern, wenn sich die Gemeinwohl-Ökonomie durchgesetzt hat!

Dann soll die Marktposition derjenigen Organisationen, die erwiesenermaßen dem Gemeinwohl dienen, gezielt begünstigt werden, indem sie – neben der Kaufentscheidung von Kund:innen – Steuervorteile, günstige Kredite, Vorteile bei öffentlichen Aufträgen usw. bekommen. Staatliche Hilfen – ob spontan (wie z.B. jetzt wegen Corona) oder strukturell wären dann auch stark abhängig von der Gemeinwohl-Bilanz.

Aber auch ohne diese wirtschaftlichen Anreize berichten Unternehmen und Organisationen, die eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben, von einem sehr positiv erfahrenen Prozess, der mit dieser Neu-Justierung einhergeht und sowohl das Selbstbild der betreffenden Organisation wie ihre Ausstrahlung (z.B. auf Kunden oder potenzielle Mitarbeiter) stark beeinflusst.

Bis jetzt haben über 500 Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hat die GWÖ als tragfähiges Modell für die Umsetzung der SDG‘s (Sustainable Development Goals) der UN anerkannt. 2016 wurde in Baden-Württemberg das Anliegen der GWÖ erstmals in einem Koalitionsvertrag eingebracht, weitere Koalitionsverträge sind diesem Beispiel inzwischen gefolgt.

Die bürgerschaftliche Bewegung der Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) entstand 2010 in Österreich und breitet sich seitdem über Deutschland, die Schweiz, Italien und Spanien bis in die Benelux-Staaten, nach Großbritannien, Skandinavien und in osteuropäische Länder aus. Mittlerweile ist sie bereits in den USA, Lateinamerika und in Afrika angekommen. Auch Gemeinden und Regionen haben Beschlüsse gefasst, um das GWÖ-Modell bei sich einzuführen. Neben Stuttgart hat auch die Stadt Konstanz einen Beschluss gefasst, dass ihre Spitalstiftung eine Bilanzierung nach GWÖ-Standard durchführt, was inzwischen auch schon erfolgreich abgeschlossen werden konnte.

Mehr Information unter www.ecogood.org/de



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