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Freilichttheater auf dem Konstanzer Münsterplatz

17.06.2020 | QLT Redaktion

Hermann der Krumme oder die Erde ist rund (Uraufführung)

Seit nunmehr 13 Jahren gehören das Theater Konstanz und der Münsterplatz als Spielstätte zusammen. Theater auf dem Münsterplatz ist nicht mehr wegzudenken aus dem Konstanzer Kalender. Und wer hat’s erfunden? Intendant Christoph Nix, der schon immer der Ansicht war, dass das Theater raus muss – mitten unter die Leute, mitten in die Stadt. Und der Erfolg gab ihm recht.

Fast sah es so aus, als würde das Corona-Virus dem Theater Konstanz einen Strich durch die Rechnung machen. Doch nun sind die Freilichtspiele im Sommer 2020 gesichert. In seiner Sitzung am 7.5. hat der Gemeinderat der Stadt Konstanz die Münsterplatzfestspiele genehmigt. Dort wird am 4.7. das eigens für diesen Ort geschriebene Stück HERMANN DER KRUMME ODER DIE ERDE IST RUND uraufgeführt – Regie führen Christoph Nix, Lorenz Leander Haas und Choreografin Zenta Haerter. Damit setzen die Stadt und das Theater in Zeiten der Pandemie ein deutliches Zeichen der Hoffnung und beginnen nach der landesweiten Schließung der Theater und Opernhäuser unter strenger Beachtung des Infektionsschutzes wieder mit dem Spielbetrieb. Geplant sind derzeit 24 Vorstellungen vor jeweils 100 bis 220 Zuschauern. Das Theater Konstanz hatte als erstes Theaterhaus in Baden-Württemberg ein an die Bedingungen des Infektionsschutzes angepasstes Konzept für die Münsterplatzfestspiele vorgestellt und damit in der Öffentlichkeit bundesweit großen Zuspruch erhalten. Auch die Kulturstaatsministerin Monika Grütters und der Präsident des Deutschen Bühnenvereins und Intendant des Deutschen Theaters Berlin Ulrich Khuon unterstützten die Initiative des seit 1607 durchgehend bespielten Theaterhauses am Bodensee. Beherzt nehmen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses die Geschichte von Hermann dem Lahmen von der Reichenau zum Anlass, um unter den Bedingungen der Kontaktbeschränkung in einer Zeit der Angst, Visionen und Wege für die Theaterkunst zu eröffnen.

Christoph Nix setzt Hermann, dem Lahmen, dem lokalen Helden aus dem frühen Mittelalter, dessen Geist sich nicht vom Körper hat einsperren lassen, mit den diesjährigen Münsterfestspielen ein Denkmal. Münsterchordirektor Steffen Schreyer konnte ins Theaterschiff geholt werden, seine hochkarätigen Chöre werden eine wichtige Rolle spielen. Hermann von Altshausen, der Sohn des Grafen Wolfrat des II. von Altshausen und seiner Frau Hiltrud, lebte von 1013 bis 1054. Von Kindheit an schwerbehindert und auch als Erwachsener so eingeschränkt, dass er nur mit Mühe sprechen, kaum schreiben konnte, machte er in großer Bescheidenheit ein großartiges Leben daraus. Er gilt als einer der wichtigsten Gelehrten des 11. Jahrhunderts, genoss eine Freundschaft zu Abt Berno und Papst Leo IX., entwickelte dank arabischer Schriften eine genauere Zeitmessung, war Verfasser einer vorbildlichen Weltchronik und komponierte Lieder wie das „Salve Regina“, das heute noch in Kirchen erklingt. Wir erleben Hermann innerhalb des Klosters, wo er viel Zuwendung, aber auch viel Neid erfährt. Was für eine Rolle spielt seine adlige Familie, wo ist sein Platz zwischen dem Abt des Klosters, dem Bischof von Konstanz und dem Papst? Sein Genius überflügelt seine Zeit, er wird nicht verstanden, aber einer versteht ihn, einer aus einer künftigen Zeit, der wahrscheinlich an der gleichen Krankheit leidet wie Hermann: Stephen Hawking, auch er ein furchtloser Visionär, der sich auf dem Münsterplatz zu Wort meldet.

Gleich in seiner ersten Spielzeit als Intendant ließ Christoph Nix den Münsterplatz im Sommer 2007 in eine Bühne verwandeln, damals noch direkt am Hintereingang des Stadttheaters. Mit dem Mundartstück „Konstanzer Totentanz“ von Bruno Epple zeigte das Theater seine Verbundenheit mit der Stadt und der Region. Und feierte gleichzeitig seinen 400. Geburtstag. 2008 wurde das Musical „Anatevka“ gezeigt. Erstmals direkt am Hinterausgang des Münsters ULF durfte 2012 gespielt werden und das Münster selbst wurde bei der vielumjubelten Uraufführung von „Der Glöckner von Notre- Dame“ in der Regie von Christoph Nix nach dem Roman von Victor Hugo zu einem der Hauptdarsteller. Im ersten Jahr des Konziljubiläums zeigte das Theater Konstanz 2014 „Konstanz am Meer. Ein Himmelstheater“. Auf der Grundlage der geschichtlichen Fakten präsentierte das Autorenpaar Theresia Walser und Karl-Heinz Ott einen klugen, tiefsinnigen, heiteren, aber auch kritischen Text, der einen unverstaubten Blick aus der Sicht der kleinen Leute auf die Geschichte der Stadt gewährt. 2016 feierte Umberto Ecos „Der Name der Rose“ Premiere. Dazu wurde wieder eine imposante Freilichtbühne geschaffen, im Zentrum jedoch standen die Figuren – all jene Mönchsgestalten, denen das Ensemble, ein Gesicht, eine Gestalt und eine Stimme gab. Auch dieses Mal waren wieder viele Konstanzer als Statisten dabei, womit die Tradition des „Bürgertheaters“ fortgeführt wurde. Im Sommer 2017 zeigte das Theater das Drama des Schweizer Nationalhelden „Wilhelm Tell“. Mit frischem Blick auf Friedrich Schillers 1804 in Weimar uraufgeführtem Meisterwerk griff Regisseurin Johanna Wehner auf den Schweizer Nationalmythos um den Kampf gegen Willkür und Fremdherrschaft zu. Auch 2018 wurde der Münsterplatz wieder in eine fantastische Bühne verwandelt, als Schauspieldirektor Mark Zurmühle „Cyrano de Bergerac“, Edmond Rostands tragisch-komisches Versdrama, als rasantes Mantel- und Degenstück inszenierte. In Szene gesetzt wurde das Spektakel vor dem Münster, dessen Glocken in den Schlüsselszenen ihren Einsatz hatten und einem riesigen Luftschloss.

www.theaterkonstanz.de



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