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Ewig jung – Musikalische Komödie am Theater Konstanz

27.11.2018 | QLT Redaktion

Unlängst bin ich wieder über einen dieser Social Media Beiträge gestolpert. Bebildert war er mit dem Foto eines doch recht betagten Mannes, der sichtlich entspannt wie auch gut gelaunt sein Glas Wein und eine Zigarre genoss. Dazu der Text: „Wenn wir damals nicht ordentlich gefeiert und die verrücktesten Dinge an kuriosen Orten zu möglichst lauter Musik gemacht hätten, wären wir jetzt trotzdem alt. Aber wir hätten nicht die schrägen Geschichten zu erzählen bei denen sogar unsere Enkel nicht aufhören können zu Lachen!“ Doch wer sagt eigentlich, dass ordentlich feiern und Spaß am Leben zu haben nur ein Privileg der Jugend ist? „Alter schützt vor Torheit nicht“ – Unsinn! Der Geist ist willig und das Fleisch immer noch schwach. Und wer in jungen Jahren ein Biedermann war, wird auch hochbetagt nicht zum Freak.

Szenenwechsel: Wir befinden uns in Konstanz im Jahr 2068. Die Ensemblemitglieder sind in die Jahre gekommen und das Theater dient den Schauspielern als Seniorenheim. Die Bühnendeko erinnert an die noch gut bekannten zusammen gewürfelten Wohnzimmer Einrichtungen einer Wohngemeinschaft. Ein Tannenbaum ist auch schon da. Im Hintergrund hängen großformatig die Fotos der „Ahnen“, Ulrich Khuon, Rainer Menniken, Dagmar Schlingmann und in goldenem Rahmen Christoph Nix. Auch seine Nachfolgerin Karin Becker ist schon vertreten, ihr Portrait ist allerdings kleiner und ein Stück entfernt platziert. Nun ja, sie kommt ja erst noch… Schwester Lydia (Lydia Roscher, alle Mitwirkenden spielen unter ihrem richtigen Namen) betritt mit einem Staubwedel die Bühne, säubert die „Ahnengalerie“ und platziert noch schnell ein dezentes Lorbeerkränzchen am Bild des jetzigen Chefs. Langsam und gebrechlich betreten nun nach und nach die Protagonisten, sei es fluchend oder stolpernd mit ihren Lieblingshabseligkeiten den „Aufenthaltsraum“. Anne Simmering, Katrin Huke, Ingo Biermann, Thomas Fritz Jung und André Rode. Die Schauspieler sind zwar sichtlich gealtert (Kompliment an die Maske!), haben ihre ganz eigenen Marotten und Ticks gepflegt und ausgeprägt, sind aber in der Figur nicht überzeichnet. Genau so könnte es es sich auch entwickeln.Aber, es handelt sich nach wie vor um eine musikalische Komödie von Erik Gedeon. Unter der Regie von Tim Kramer traktiert Schwester Lydia unsere Heimbewohner noch ein wenig mit Kindergarten Spielchen, serviert einen kleinen Absacker (für diejenigen die noch eine Leber haben), geht ab und dann kommt Leben in die Bude. Die versteckte Flasche Schnaps macht die Runde und ein im Weihnachtsbaum deponiertes rauchbares Therapeutikum zieht ebenso seine Kreise. So spart das Theater schon ordentlich was an Trockeneisnebel ein. Die Kinderliedchen sind nun vorbei. „I Love Rock’n’ Roll“ könnte kaum knackiger interpretiert werden, die ersten aus dem Publikum klatschen mit. Bei „So bist Du“ und „Buena Sera“ wird es einem dann auch noch so richtig warm ums Herz. Vom Solo (hervorragend auch Lydia Roscher als Operndiva mit rabenschwarzen Texten) über leidenschaftliche Duette bis hin zum holprigen Tänzchen, die Show nimmt ihren Lauf und die Handlung, die eigentlich gar keine ist, lebt von gut platzierten Kalauern, schwarzem Humor und einer satten Portion Selbstironie. Der Funke springt über – von „Born To Be Wild“ bis „Barbie Girl“, „Forever Young bis „Sex Bomb“ – ein Riesenspaß kurz vor der „La Ola Welle“ seitens des Publikums. Auch die Musiker überzeugten rundum. Leider musste Stefan Gansewig bei der Premiere ausfallen, doch die Band (Rudolf Hartmann – Keyboard, Wolfgang Kehle – Gitarre & Arpi Ketterl am Bass) hat den Job bravourös gemeistert. Nicht zuletzt sollte man sich Frank Denzinger am Schlagzeug merken. Der richtige Sound am richtigen Ort. Alles in allem eine fulminante Party, genau das richtige Mittel gegen den Winterblues!

Text: Christina Fischer-Bergmann
Fotos: Theater Konstanz / Bjørn Jansen


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