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Gabriel Venzago der neue Chefdirigent der SWP

17.08.2022 | QLT Redaktion

Foto: Nikolay L und groáe

Der Zweiunddreißigjährige kommt mit viel Energie und neuen Ideen nach Konstanz. Die Südwestdeutsche Philharmonie freut sich über ein erstes Interview mit ihm.

Herr Venzago, sind Sie eigentlich überrascht, dass die Wahl auf Sie
gefallen ist?

G.V. Um ganz ehrlich zu sein, ein bisschen schon! Natürlich freue ich mich sehr, dass ich überzeugen konnte, aber tatsächlich gehört viel Mut dazu, einem relativ jungen Dirigenten eine solche Stelle anzuvertrauen. Gerade in Zeiten, die für alle nicht leicht sind, ist es ein großes Zeichen und eine deutliche Aussage dieser Stadt, nicht unbedingt auf „Bewährtes“ zu setzen, sondern mir die Chance zu geben, meine erste Chefdirigentenstelle anzutreten.

Was glauben Sie, hat den Ausschlag dafür gegeben?
G.V. Für mich sind eine hohe künstlerische Qualität und Ernsthaftigkeit, aber auch die Bereitschaft, die Türen des traditionellen Konzerts zu öffnen und unsere Marke in die Stadt hinauszutragen, sehr wichtig. Ich denke, dass ich mit dieser Einstellung überzeugen konnte. Gerade nach der Corona-Pause und den damit einhergehenden Widrigkeiten ist es wahnsinnig wichtig, dass wir unser Publikum wieder einladen und eine Nähe nach dem ganzen Mindestabstand schaffen. Bei der SWP sehe ich enormes Potential für genau diese Entwicklungen und freue mich darauf, an die menschlich wie künstlerisch hohe Qualität anzuknüpfen, hier im Team zu arbeiten und nach neuen Ideen zu fahnden, um unsere Marke noch weiter auszubauen. Auf diese Art will ich die Menschen hier in Konstanz und der ganzen Bodenseeregion erreichen und sie davon überzeugen, dass unsere Kunstform lebt und lebendig ist. Unsere Konzerte sollen für alle sein, ein Sprachrohr unserer Zeit und nicht im Glashaus stattfinden. Ein Orchester ohne Publikum kann aufgeben, aber das gilt ebenfalls für ein Publikum, bzw. eine Stadt, ohne Orchester!

Haben Sie dafür schon erste Ideen?
G.V. In den letzten Jahren wurden die eduART Konzerte der SWP immer weiterentwickelt, mit großem Erfolg. Ich möchte aber weitere Formate finden, die noch gezielter Erwachsene, aber auch Familien und Jugendliche ansprechen. Ich sehe da ganz konkret unseren Auftrag als Kulturschaffende und hoffe, dass wir in dem Punkt mit den anderen Kultureinrichtungen der Stadt Konstanz zusammenarbeiten können. Gerade hier ist die Fusion mit der Musikschule wunderbar, um neue und bereichernde Wege gemeinsam zu entwickeln. Und natürlich möchte ich auch einen besonderen Fokus auf den Freundeskreis und die Abonnenten der SWP setzen, um ihnen mit speziellen Leckerbissen für ihre unermüdliche Unterstützung zu danken und ihnen immer klar zu zeigen, wie besonders sie für uns sind.

Derzeit sind sie in Salzburg beim Salzburger Landestheater und
Mozarteumorchester als 1. Kapellmeister und stellv. Musikdirektor
angestellt. Ist der Sprung zu einer Chefdirigentenstelle der normale und nächstliegende Schritt?

G.V. Für mich schon irgendwie (lächelt). Ich komme aus einer klassischen Musikerfamilie. Mein Vater ist Dirigent, meine Mutter war bis vor kurzem Solobratscherin in Heidelberg. Sie können sich die Themen am Küchentisch vorstellen. Der kreative Umgang mit Musik war allgegenwärtig. Als ich 12 Jahre alt war, durfte ich als Statist im Theater arbeiten und der Theatervirus hatte mich von da an gepackt. Als dann noch der damals 23-jährige Cornelius Meister Chefdirigent wurde und mir klar wurde, dass man auch als junger Mensch und nicht nur als ein Vater dirigieren kann, wollte ich das unbedingt. So ging es dann Schritt für Schritt weiter, aber immer mit dem konkreten Ziel, irgendwann einmal in einer Stadt das Musik- und Kulturgeschehen maßgeblich zu beeinflussen und die Musik eben in unsere jetzige Zeit zu holen. Daher ist für mich der Sprung nicht nur ein logischer, sondern auch ein großartiger. Dazu freue ich mich, ein Teil der lebendigen Stadtgesellschaft hier in Konstanz zu werden.

Gibt es inhaltlich besondere Ausrichtungen?
G.V. Vielfalt! Aber ein Hauptbaustein wird mit Sicherheit die Klassik sein. Hier möchte ich einen der Zeit angemessenen Stil entwickeln und den Spirit dieser Musik aus den Noten ziehen. Das ist für mich ein großer Ansporn. Aber dann eben auch zu untersuchen: wie hat sich diese Musik weiterentwickelt? Die deutsche Romantik kommt ja nicht aus dem Nichts! Sie hat ihren Ursprung und ihre Wurzeln. Und wenn man diese Musik auf diese Art betrachtet, werden andere Interpretationen entstehen und Noten anders gelesen. Diese Stilistik und dieses Bewusstsein möchte ich stärken. Und dann gibt es ja noch den viel gefürchteten Begriff „neue Musik“. Wir werden neue Musik spielen und ich möchte alles daran setzen, vorhandene Berührungsängste abzubauen und unser Publikum hier an die Hand nehmen. Diese Entwicklungen können wir alle aber nur gemeinsam erreichen. Und ich bin so begeistert, in Insa Pijanka eine Partnerin zu haben, die ebenfalls mit Konzerten Geschichten erzählen und Statements setzen will.

Wo wären Sie, wenn Sie nicht am Pult stehen würden? Im Orchester?
G.V. Der Beruf des Orchestermusikers ist ein wahnsinnig faszinierender. Aber um ein Probespiel gewinnen zu können, gehört ein Leben voller Üben dazu. Ich habe ja (rudimentär) Cello und Klarinette gelernt, komme aber ursprünglich vom Klavier, in das ich meine Übe-Zeit gesteckt habe und das aber wiederum kein Orchesterinstrument ist. Von daher würde ich nicht im Orchester, aber vielleicht an einem anderen Pult sitzen. Zum Beispiel als Lokführer (lacht).

www.philharmonie-konstanz.de



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