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Bodensee Stonehenge – Rätselhafte Steinschüttungen im Bodensee:

09.11.2022 | QLT Redaktion

Bei der Tiefenvermessung des Bodensees mit Fächerecholot und Airborn Laserscanning Bathymetrie entdeckte das Institut für Seenforschung Langenargen 2015 über 170 hügelartige Strukturen entlang des südlichen Bodenseeufers.

Vom 23. bis 27.4. 2018 fanden in einem ersten Schritt Georadarmessungen statt. Ein Team von Wissenschaftlern untersuchte mit dem Forschungsschiff „Kormoran“ des LUBW Steinablagerungen exemplarisch und punktuell zwischen Romanshorn und Güttingen. Dabei kam weltweit erstmals ein Prototyp eines unter Wasser funktionierenden Georadargeräts zum Einsatz. Dieser GPS-gesteuerte Messschlitten wurde von Dr. Jens Hornung von der Technischen Universität Darmstadt entwickelt. Mit hochfrequenten elektromagnetischen Impulsen wurden die im Seeuntergrund versteckten Schichtgrenzen im Umfeld der Steinstrukturen erfasst. Die so gewonnenen Bilder lieferten neue Erkenntnisse zur Entstehung der rätselhaften Steinanhäufungen. So wurde naturwissenschaftlich belegt, dass die „Hügeli“ mit ihren bis zu 40 cm großen Steinen nicht natürlich durch den Gletscher entstanden, sondern von Menschenhand aufgeschüttet worden sind. Sehr bemerkenswert ist die Regelmäßigkeit der Abstände von Hügel zu Hügel. Die Steinstrukturen wurden demnach vor sehr langer Zeit im Bereich der damaligen Haldenkante (ursprüngliche, trockenliegende Uferlinie?) von Menschen aufgeschüttet.

In den Medien wurden die „Hügeli“ bald als das „Bodensee-Stonehenge“ bezeichnet. Die Steinschüttungen liegen in der Flachwasserzone zwischen Romanshorn und Altnau. Sie bilden eine regelmäßige, uferparallele Reihe und haben Durchmesser von 15 bis 30 m. Die Steinanhäufungen liegen heutzutage 3 bis 5 m unter der Wasseroberfläche und wurden vom Tauchteam des Amts für Archäologie Thurgau dokumentiert. Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen konnten zeigen, dass die Steine wahrscheinlich in der Jungsteinzeit, vor ca. 5500 Jahren, aufgeschüttet wurden. Nach wie vor bleibt rätselhaft, weshalb die Pfahlbauer diese hochgerechnet 78.000 Tonnen bzw. über 60 Millionen Steine im See aufschütteten. Waren es Fischfallen, ein Kalenderwerk oder Ritualorte für Bestattungen?

Das Amt für Archäologie Thurgau führt in der Webmaschinenhalle Werk 2 in Arbon – am zukünftigen Standort des Neuen Historischen Museums des Kantons Thurgau – am 25. und 26. 11. ein Pop-up Event zu den jungsteinzeitlichen „Hügeli“ im Bodensee durch. Archäologinnen und Archäologen präsentieren die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Highlight der Veranstaltung ist die Präsentation der Masterarbeit „ sunken landscape“ von Livia Enderli an der ZHdK.

Archäologie kann auch sehr unterhaltsam sein und die Besucher können selbst zu einem Teil des Events werden. Diese sollten von ihrem Wohnort einen Stein mitbringen – gemeinsam wird dann nämlich den 171. Hügel zu rhythmischen Pfahlbauklängen und bei gemütlichem Bar-Betrieb in der Halle aufgeschüttet. Willkommen im WerkZwei in Arbon!

www.archaeologie.tg.ch



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