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50 Jahre Freie Kultur KN – Interview mit B. Gedrat

13.11.2019 | QLT Redaktion

So schnell vergeht die Zeit. Egal, ob es um die Musik, legendäre Events im ehemaligen St. Johann, die Anfänge des K9, Trommeln für den Weltfrieden oder interkulturelle Begegnungen geht. Bernhard Gedrat (oder auch Jacky genannt) war gefühlt schon immer da und ist auch heutzutage höchst aktiv in der Konstanzer Kulturszene. Wenn es um das Trommeln ging, führten sowieso alle Wege zu ihm. Der „Trommler vom Bodensee“ hat uns nun ein halbes Jahrhundert immer wieder inspiriert, fasziniert und in neue klangliche Welten entführt. Dabei und damit hat er die freie Kultur in Konstanz mitgeprägt und weiter entwickelt. Auch mal unbequem aber immer kreativ. Seine Botschaft ist zeitlos: „Musik ist die Sprache, die wir alle verstehen!“

QLT: Was hat dich 1969 nach Konstanz geführt?
B.G.: Ich absolvierte beim Fernmeldeamt Konstanz eine Ausbildung zum Nachrichtentechniker. Danach war ich im Außendienst der Telefonstörungsstelle Konstanz-Allensbach-Reichenau tätig. So konnte ich fast jeden Winkel, aber vor allem die Menschen in all ihren sozialen Schichten kennen lernen.

QLT: Du hast ja schon früh viele Musik -, Events- und Bandprojekte ins Leben gerufen, wie fing das an?
B.G.: Mit sehr viel Herzblut. Zum Beispiel in den 70ern mit den ersten Rock- und Jazzkonzerten, Musiktheater (SPIELTRIEB) im St. Johann. Der Wirt Alfred Wiedemann hat mich dabei mit seiner Lokalität sehr gut unterstützt. Soziokulturelle Events mit einer großen Portion Friedensbotschaft liegen mir sehr am Herzen. Und Trommeln sind weltweit der Herzschlag, der uns verbindet. Wir trommeln schon im Mutterleib.
QLT: Welche Bedeutung hat das Musik machen für dich?
B.G.: Musik ist für mich wie das tägliche Brot und durch das „selber machen“ bekommt sie dann noch eine eigene Dimension. Trommeln (Hand-
trommeln) machen mich durch ihre Schwingungs- und Resonanzphänomene durchgängig glücklich und zufrieden, vor allem wenn ich dieses Gefühl mit Menschen teilen darf. Energetisch fühle ich mich als Rock und Afro-Latin Drummer, aber auch gerne Gitarre oder Bass. Das wichtigste ist der Groove! Instrumentalmusik ist Kommunikation, nonverbale Sprache.

QLT: Du hast einmal gesagt, du hättest viele Seelen in deiner Brust aber 2 Säulen wären deine Ressourcen (Trommeln und Fußball)
B.G.: Ich bin in einer Fußballfamilie aufgewachsen. Schon mit vier Jahren habe ich mich täglich mit dem Ball beschäftigt und auf der OMO Waschmittelpackung getrommelt.


QLT: Wie ging das denn mit deiner Fußballerkarriere weiter?
B.G.: Ich hatte das Glück, in der B- und A-Jugend der südbadischen Auswahl zu spielen, danach noch drei Jahre beim FC Wollmatingen in der ersten Mannschaft. Danach war mir die Musik wichtiger. Ich konnte auch wegen diverser Blessuren nicht beides machen.

QLT: Man sagt, du wärst der älteste „Chérisyaner“ im Chérisyareal.
B.G.: Mit dem Chérisy Areal, damals noch eine französische Kaserne, bin ich 1971 über die Telefontechnik in Kontakt gekommen. Als ich mich 1976 für die freischaffende künstlerische Laufbahn entschieden hatte, begann ich 1978 im Kellergeschoß von Block 7 auf ca. 60m2 meine diversen Bandprojekte und den Musikunterricht umzusetzen. 1988 konnte ich dann meine schon langjährige Vision der Musikwerkstatt Musambara ins Leben rufen.

QLT: Wie denkst du über die Stadtentwicklung und Nachverdichtung?
B.G.: Da triffst du einen Nerv bei mir. Dass Menschen sowie gerade in Konstanz auch viele Studenten Wohnungen brauchen, liegt auf der Hand. Jedoch gebe ich aus meiner Sicht und Erfahrung zu bedenken, nicht alle grünen Lungen und Lebensräume zu bebauen.

QLT: Wie denkst du über die digitale Zukunft?
B.G.: Wir haben dadurch natürlich sehr viel Zugang zum Bildungswissen und der Vernetzung. Ich hoffe sehr, dass die nächsten Generationen dann auch noch wissen wie man Feuer macht und Kartoffeln anpflanzt.

QLT: Was fasziniert dich an der Freien Kultur?
B.G.: Die Selbstständigkeit, in sich hörend und autonom kreative Prozesse auszuloten, soziokulturell bei den Menschen zu sein. Finanzielle „Auf & Abs“ können auch sehr auf- und anregend sein. Doch auch mir tut oft der Beutel weh, seit ich hier lebe am Bodensee…

QLT: Du feierst nächstes Jahr 2020,„50 Jahre TempoKonstanz“ – 50 Jahre Freie Kultur KONSTANZ.
B.G.: Ja, ich freue mich schon sehr darauf. Das Leben ist ein Fest und wir sind alle eingeladen!! Der Termin ist vom 24. bis 26.7. in der Thingolthalle in KN-Dingelsdorf. Es gibt drei Tage Live-Musik. Musiker*innen aus den 70ern bis in die Neuzeit werden am Start sein. Dazu kommen Themenworkshops, Symposium, MUSAMBALONGA (Neo-TangoAfro, Latin, Disco, Tanzparty mit Live-Acts) Bilder und Plakatausstellung, „Trommel-Feuer-Tanz“, die 32. Nacht der Rhythmen und Klänge.

Damit der Event besonders gelingt wäre es toll, wenn jeder der Foto- oder Filmmaterial aus alter und neuer Zeit hat, dazu beisteuern könnte.

Qlt: Woher nimmst du die Energie und Kraft für dein vielseitiges musisch- sportliches soziokulturelles Engagement?
B.G.: In mir brennt ein Feuer, welches auch schon mehrmals durch Erschöpfung drohte auszugehen. Da war in meiner Jugendzeit im Hegau ein wunderbarer Mensch, „Albert Riesterer“. Er war für mich Don Camillo und Peppone in einer Person, das war eine gesegnete Lebensschule die mich heute noch trägt. Nicht zuletzt vor allem auch durch meine Familie (Angela, Aileen und Laura) in großer Dankbarkeit

QLT: Was ist dir für die Zukunft wichtig und was sind deine Pläne?
B.G.:Gesund alt werden, demütig zu bleiben und Sponsoren zu finden die mein „Euregio Five Season Orchestra“ finanziell unterstützen sowie weiterhin für die Jugend mit der Jugend, für alle Kinder dieser Welt in Kontakt zu bleiben.

Zeit für Zeit, Liebe, Gesundheit, Nachhaltigkeit, Entschleunigung, Dankbarkeit und Mietbremse! Dir und mir – uns allen soll es gut gehen!!!
Infos: www.musambara.de

Das Interview führte Christina Fischer-Bergmann



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