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Sommertheater: Wilhelm Tell unchained

19.07.2017 | QLT Redaktion

Impressionen zur Premiere auf dem Konstanzer Münsterplatz

Die meisten von uns haben Friedrich Schiller und seine Kunstfigur Wilhelm Tell als Schulstoff in Erinnerung. Das sollten wir zu schätzen wissen, denn in Deutschland wurde das Stück 1943 verboten: „Der Führer wünscht, dass Schillers Schauspiel Wilhelm Tell nicht mehr aufgeführt wird und in der Schule nicht mehr behandelt wird.“ So schrieb Adolf Hitler am 3. Juni 1941. Ein Tyrannenmord, begangen durch einen strahlenden, gerechten Helden, das war dem Despoten dann doch zu brisant. Womit wir dann beim Thema wären. Die Freiheit und der Widerstand der Unterdrückten. Wie definiert sich Heldentum und lässt sich das Gute mit dem Schlechten erreichen?

Vorab sei bemerkt, mich hat die Inszenierung des Theater Konstanz unter der Regie von Johanna Wehner vollauf überzeugt. Werktreue, Umsetzung, eine gehörige Portion Humor wie auch die Interaktion mit dem Publikum gaben der historischen Vorlage eine neue Würze. Einen wesentlichen Beitrag dazu haben die gelungenen und frechen Kostüme von Uschi Haug geleistet. Wenn Tell mit langem Mantel und Westernhut im „Outlaw-Style“ die Szene betritt, erscheinen sie sofort – Gestalten wie Wyatt Earp oder Django, vom Glauben abgefallene einsame Rächer die der klassischen „Gut-Böse-Kategorisierung“ widersprechen. Ebenso einen Kontrapunkt hat das abstrakte Bühnenbild von Elisabeth Vogetseder zu der historischen Umgebung der Münsters gesetzt. Die Widersprüche erzeugen Spannung, auch durch den regionalen Bezug zur Schweiz. Auch die Besetzung der Rollen war stimmig. Schauspielerisch haben alle überzeugt. Besonders authentisch wirkten die beiden Protagonisten. Thomas Fritz Jung habe ich die innere Zerrissenheit, die Wut und den Frust des Wilhelm Tell sofort „abgekauft“. Genauso überzeugend und glaubhaft Ralf Beckord als Reichsvogt Gessler. Meine persönliche Neuentdeckung ist Julian Griener, dem als Sohn des Tells der Apfel vom Kopf geschossen werden soll. Dieser Nachwuchs hat’s drauf!


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Kunstmuseum St. Gallen

Text: C. F.- B.  Fotos: Theater Konstanz, Ilija Mess


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