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Enthüllung der Kunst am Klinikum

17.01.2018 | QLT Redaktion

Interview mit Boris Petrovsky zu seiner „performativen Installation“ im Klinikum Konstanz

Das Klinikum Konstanz lädt am 20. Januar 2018 feierlich mit einem „Tag der offenen Tür“ in die neuen Klinikbauten ein und stellt den Funktionsneubau der Öffentlichkeit vor. Die Einweihung der Klinikneubauten werden von einem besonderen Highlight begleitet – der Enthüllung der Kunstinstallation des Konstanzer Künstlers Boris Petrovsky, der den Neubau mit einem „Kunst am Bau Projekt“ bereichert hat. Wir haben Boris Petrovsky zu seiner „performativen Installation“ und zu den Hintergründen ihrer Entstehung befragt.

QLT: Boris, wie kam es zu diesem Kunst-am-Bau-Projekt?
Boris Petrovsky: Ich wurde eingeladen zum nichtöffentlichen, thematisch offenen Wettbewerb durch den Gesundheitsverbund des Landkreises Konstanz und seinem Gremium für die Arbeitsgemeinschaft Kunst am Klinikum. Dr. Georg Geiger, Kreisrat und Mitglied im Aufsichtsrat GLKN hatte das initiiert.


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QLT: Wie ist die Idee für deine „performative Installation“ entstanden?
B.P.: Ursprünglich dachte ich an eine Arbeit mit Sprache und Licht, die man von mir kennt und eigentlich erwartet, aber ich merkte schnell, dass es an so einem singulären, besonderen Ort wie dem einer Klinik einen anderen Ansatz braucht. Erwartungen können in der Kunst ja zum Material werden, mit denen man als Künstler spielt. Es gab zudem den lang gehegten Wunsch, mich künstlerisch mit der menschlichen Figur zu beschäftigen. So kam es recht schnell zum jetzigen Entwurf. Eine Figur ist im Zusammenhang mit einem Klinikum nicht unbedingt überraschend, aber herausfordernd, denn was ist kontroverser als die Vorstellung des Menschen vom Menschen und sein Selbstbild? In Grenzsituationen von Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod stellen sich existentielle Fragen, aber auch Fragen nach dem Körperbild, der Leistungsfähigkeit, nach Sinn.

Was ist das Besondere an der Figur?
B.P.: Gerade mit einer Figur nicht illustrativ oder narrativ zu werden, ihr keine individuelle, künstlerische Handschrift einzuschreiben, keine bestimmte Stimmung oder kein offensichtliches Gefühl mit ihr vorweg zu nehmen oder mit ihr zu erheischen, das offen zu lassen, war die Basis. Daher ging ich hier auf Distanz zum klassischen, händischen Entwurf und Modellieren. Der Körper der Figur erscheint bewusst unvollendet, als ein „Non-Finito“, das ein „Infinito“ wird. Es ist Substantielles da, aber keine personalisierende oder individualisierende Physiognomie als „Interface“, kein kultureller Mantel. Je nach Betrachterpositionen erscheint die Figur in ihrer androgynen Physis eher weiblich oder männlich.
Die Figur dreht einem aus den Hauptansichten ihren Rücken zu. Sie scheint nicht wahrzunehmen, was hinter und neben ihr passiert, sich eher abzuwenden von der Situation. Trotz der heiklen Position im Raum, scheint ihre Bewegung besonnen und bewusst. Sie hat auf den ersten Blick etwas Übermenschliches an sich und damit Provozierendes, das sich auf den zweiten Blick in etwas Unperfektes wandelt. Das Bild scheint keinem Idealbild entsprechen zu können und zu wollen. Auch bei der Herstellung der Figur in der Giesserei spielen anscheinend widerspüchliche Vorgänge eine Rolle.

QLT: Wie wurde die Figur hergestellt?
B.P.: Das Gussmodell wurde digital und mithilfe eines Roboters erstellt und mit einer Jahrtausend alten Kunst- und Kulturtechnik umgesetzt, die des Bronzegusses im Wachsausschmelzverfahren. Das Aufeinandertreffen von digitalen Vektoren und eigensinnigem, plastischem Werden wird zum sichtbaren Bestandteil eines Ringens miteinander. Da gibt es Unvorhersehbarkeiten und eine eigene Dynamik, die Wissen und Erfahrung trotzt und man reagiert gemeinsam mit der Giesserei darauf, das ist stets Teil meiner Arbeiten. Die Figur entsteht also weder „aus einem Guss“, noch wird sie einfach so „abgegossen“.
Die Wahl der Bronzelegierung wird zu einer künstlerisch produktiven Störung, die gelbgoldene Siliziumbronze wird auch für technische Güsse, z.B. bei Wasserhähnen verwendet. So erscheint dann auch der Titel »Schritte« sinngemäß als einfach, vielleicht vordergründig, aber andererseits ist er nüchtern und distanzierend.Die Figur ist ja zwei Figuren und auch wieder nur eine – mit diesem Widerspruch muss man leben – die jeweils eine Hälfte der zweifachen Figur sieht wie die andere aus. Aber ist sie es wirklich? Die zweifache Figur läuft in einer ungewöhnlichen horizontalen Position an den Wänden entlang, wie auf einem unsichtbaren Pfad und über Eck. Sie scheint im Gehen erstarrt und doch in steter Bewegung zu sein. Ist es eine räumliche Momentaufnahme ein und derselben Figur in Bewegung?

QLT: Wie fügt sie sich in den Gesamtkontext des Klinikneubaus ein?
B.P.: Baulich gesehen befindet sich die Figur an den Wänden des Versorgungskerns in der Verbindungsmagistrale, von der aus man in die verschiedenen Funktionsbereiche gelangt. Die Figur befindet sich dort in einer räumlichen und metaphorischen „Dazwischenposition“.
Ein Klinikum ist ein Ort der Grenzerfahrungen. Grenzen werden sichtbar, definiert, überschritten und führen zu elementaren, existentiellen Fragen des Menschseins, die heute auch immer mehr solche der technosozialen und wirtschaftlichen Bezüge sind.
Im Gesamtkontext des Klinikneubaus findet sich die Figur als performative Installation in das Klinikum ein. Was heißt performativ? Ich meine damit etwas Filmisches, ein Bewegungsmoment, eine Zeiterfahrung, aber auch den Umgang mit Sprache, der hier über und mit der Figur, mit sich selbst oder im Dialog mit anderen passieren und für den sie Anlass sein kann.
Die Zeit spielt in einem Klinikum eine eigene und bedeutende Rolle. Aber sie scheint sich hier anders zu verhalten, anderen Gesetzmäßigkeiten als den gewohnten zu folgen. Für Personen, die sich im Raum bewegen, entstehen stets unterschiedliche Ansichten durch wechselnde Perspektiven in veränderten Standpunkten. Sie können aktiv eine eigene Vorstellung vom Verhältnis der zweifachen Figur zueinander schaffen und von sich zur Figur.



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