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Drei von Sinnen – eine Reise mit Hindernissen

15.12.2016 | QLT Redaktion

titelbildDrei junge Männer vom Bodensee wagen ein Experiment: Reisen mit bewusstem Verzicht. Einer hört nicht, einer sieht nicht und einer spricht nicht. Zita Hille, Juniorredakteurin beim QLT, wirft einen Blick auf den Dokumentarfilm „Drei von Sinnen“ und wer die Drei dahinter sind, was sie motiviert und wie die Reise sie veränderte.
Es beginnt vor rund drei Jahren alles mit dem Telefonat zweier alt bekannter Freunde. Schon seit Jugendzeiten gehen David und Bart auf Reisen. Sie wandern über die Alpen, reisen per Anhalter über den Balkan oder fahren mit dem Fahrrad von Überlingen nach Istanbul. Jetzt lebt der eine in Berlin, der andere am Bodensee. Gemeinsame Abenteuer verbinden die jungen Männer immer noch. Nur wo soll die nächste Reise hingehen?

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Mitten in der Nacht hat Bart eine Idee als er an das Bild der drei Affen denkt. „Nichts sehen, nichts hören, nichts sprechen.“ Wie wäre es mit einem Experiment, in dem sie genau das umsetzen? Wie fühlt es sich an, für eine gewisse Zeit auf einen Sinn zu verzichten? Er greift zum Telefonhörer und ruft David an, der sofort begeistert ist. Als sie ihren Freunden von der abenteuerlichen Reiseidee erzählen, findet sich bald der Dritte im Bunde: Jakob, der in Innsbruck Architektur studiert. Wo sie die Reise beginnen wollen, wissen die Drei schnell: Am Bodensee, dem Ort, an dem sie alle drei aufgewuchsen.
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David, Bart und Jakob (v.l.n.r.)

Im Juli 2014 ist es dann endlich soweit: Bepackt mit großen Rucksäcken geht das Reise-Experiment los. Per Anhalter, mit Bus, Bahn und zu Fuß wollen sie in drei Wochen an der Atlantikküste sein. Nach jeder Woche tauschen sie ihre Rollen, so die Idee der Abenteurer. In der ersten Woche darf David nichts hören, Bart nicht sprechen und Jakob nichts sehen. David trägt einen individuellen Gehörschutz, darüber einen großen Kopfhörer, der ein monotones Dauerrauschen erzeugt. Von der Außenwelt hört er nichts. Jakob trägt zwei lichtundurchlässige Augenpflaster. Bart halten keine technischen Hilfsmittel davon ab, zu sprechen – allein auf seinen Willen kommt es an. Er trägt eine kleine Tafel bei sich, auf die er einzelne Wörter oder ganze Sätze schreibt, um sich den anderen mitzuteilen. Die Sonne scheint, als sie in Hödingen bei Überlingen loslaufen.
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Das Abenteuer beginnt.


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Mit einer Tafel fällt es Bart leichter, Jakob mitzuteilen, was er nicht sagen darf.

Mit einer Tafel fällt es Bart leichter, Jakob mitzuteilen, was er nicht sagen darf.

Im Schwarzwald angekommen beginnt es zu regnen. Der Regen sollte dann fast zwei Wochen der stetige Begleiter bleiben. Sie laufen durch Dörfer, über Wiesen, durch Wälder und begegnen vielen interessierten und neugierigen Menschen. Auf einem Campingplatz im Schwarzwald kommt eine ältere Frau auf Jakob zu. Ihr Sohn ist mehrfach behindert. Sie hält ihm vor, dass das Experiment und der Film behinderten Menschen nicht helfe. Jakob versucht der Frau zu erklären, dass der Anspruch der Freunde nicht sei, so zu tun als ob sie blind, taub oder stumm wären und sie nicht für Menschen mit Behinderungen sprechen wollen. Es sei allein ihre Neugierde nach einer neuen, unbekannten Erfahrung und der Wunsch, etwas Neues über sich und die eigenen Freunde zu lernen, der sie antreibt, dieses Reise-Experiment zu unternehmen.
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Was für ein Gefühl muss es sein, „blind“ Wildwasser-Kanu zu fahren?

Schon früh wird den drei Freunden bewusst, dass die Sinneseinschränkungen verschiedene Schwierigkeiten offenbaren. Jakob fällt es schwer, sich zu orientieren. Auf der Straße ist er jetzt auf die anderen angewiesen. David beschreibt ihm den Weg. Weil er aber die Geräusche der vorbeifahrenden Autos nicht hört, bleibt Bart dicht bei den beiden anderen. Wie aneinandergekettet bewegen sich die Drei vorwärts, jeder benötigt Hilfe und muss zugleich helfen. Zeichensprache, Schnalzen, Berührungen, kommunizieren über mehrere Ecken: Jede Situation erfordert Improvisation und kreative Lösungen. Damit Jakob sich sicher fühlt und den anderen „blind“ folgen kann, hält er sich an einer Schnur, die entweder an dem Rucksack von Bart oder David befestigt ist. Jeder der dreien ist mit seiner eigenen Hilf- und Machtlosigkeit konfrontiert. Für die Erledigung alltäglicher Dinge braucht Jakob seine beiden Freunde, weil er nichts sieht. David hört die Stimmen seines Gegenübers nicht mehr und erlebt Isolierung und „Einsamkeit zu Dritt“. Bart muss seine Worte zurückhalten, auch wenn er manchmal gerne antworten würde. Er kann nur warten, bis es die Gelegenheit gibt, dass er aufschreiben kann, was er sagen möchte und David es vorliest. Jeder Austausch geht über Ecken und verlangt Zeit und Geduld von jedem Beteiligten. Es wird eine Übung in Verzicht, tiefem Vertrauen, Empathie und Geduld. Verständnis und Kommunikation sind wichtiger denn je und gestalten sich so schwer wie nie zuvor.

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Die erste Woche ist gezeichnet von Streitigkeiten, die sich aus Missverständnissen entwickeln. Der Regen schlägt zusätzlich auf die Stimmung. Am Ende der ersten Woche sitzen die Drei während des Sonnenaufgangs am Rhein nahe der Grenze zu Frankreich und legen ihre Handicaps ab. Sie müssen lachen, umarmen sich und weinen Tränen der Erleichterung und der Freude. Das Experiment hat wohl doch einen größeren psychischen Einfluss, als sie ursprünglich dachten.
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In der Jägershütte kommt es zu einer brenzligen Situation..

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In den folgenden zwei Wochen stellt sich durch den Tausch der Rollen ein besonderer Effekt ein. Jeder scheint besser nachvollziehen zu können, wie es dem anderen zuvor ergangen ist. Das Verständnis für den anderen wächst und auch die Fähigkeit, den anderen zu unterstützen. Ein kurzzeitiger Abbruch erscheint notwendig, um sich gemeinsam daran zu erinnern, warum man die Reise angetreten ist.

Am Ziel in Frankreich schauen die drei Freunde auf viele schöne und bereichernde Erfahrungen zurück, die sie durch die Abwesenheit eines Sinnes erleben konnten. Die Wertschätzung für Kleinigkeiten sei um Größen gewachsen. Sie haben dabei sich selbst und auch die anderen besser kennengelernt. Auch, wenn sie durch Strapazen gehen mussten und die Freundschaft das ein oder andere Mal auf die Probe gestellt wurde, ist eines auf alle Fälle gewachsen: Das Vertrauen zueinander.

Auf die Frage, was nun nach dem Film folge, kann keiner der Jungs so genaue Auskunft geben. „Mal sehen, was auf uns zukommt“, sagt David. Ideen seien zahlreich da, einerseits für neue Filmprojekte, andererseits für die Vertiefung ihrer ursprünglichen Berufe. David hat „Internationale Beziehungen“ und Journalistik studiert und arbeitet momentan als selbstständiger Filmemacher. Jakob hat seinen Bachelor in Architektur abgeschlossen und Bart macht seinen Architekturmaster an der HTWG Konstanz, arbeitet als selbstständiger Leuchtendesigner (www.bartbouman.com) und Filmemacher. Alle drei sind generell offen für Neues und freuen sich auf weitere Abenteuer, die noch auf sie warten.
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Auf der Reise lernen die Drei viele nette Menschen kennen. Bart ertastet hier eine unbekannte Frau.

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Wie tief mag das unbekannte Wasser bloß sein?

Im November 2016 erscheint endlich der fertiggestellte Film mit dem Titel „Drei von Sinnen“. Die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) förderte die Postproduktion. Die Schnittphase in der sich Regisseur Kerim Kortel und Sascha Seidel regelmäßig zum Arbeiten trafen, dauerte neun Monate. Die Weltpremiere von „Drei von Sinnen“ fand am 21. November im Zebra-Kino Konstanz statt und war bis auf den letzten Platz ausverkauft. Auch die folgenden Vorstellungen in bisher 13 verschiedenen Städten in der Bodenseeregion und im Hinterland waren oft ausverkauft und rufen viel Lob und Begeisterung hervor. Am 10. Dezember wurde der Film „Drei von Sinnen“ von einer internationalen Jury mit dem „Golden Wing Award“ in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ am Filmfestival in Eindhoven, Holland, ausgezeichnet.
Die DVD des Films ist auf www.dreivonsinnen.de erhältlich. Neben Bonusmaterial enthält sie auch englische sowie deutsche Untertitel speziell für hörgeschädigte Menschen. Preis:16,90€

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Weitere Kinotermine:

18. 12.2016 Kammer / Tivoli in Überlingen, 18 Uhr
21. 12.2016 Kino Obscura in Ulm, 19:30 Uhr.
25.12.2016 Kammer / Tivoli Überlingen, 18 Uhr
01.01.2017 Kammer / Tivoli Überlingen, 18 Uhr
04. 01.2017 Kino Scala in Tuttlingen, 20 Uhr
05.01.2017 Kultur am Gleis 1, Meckenbeuren, 19:30 Uhr
08.01.2017 Kammer / Tivoli Überlingen, 18 Uhr
Weitere Informationen zur Reise und zum Film:
Website mit allen Infos auf www.dreivonsinnen.de
Wir vom QLT wünschen ihnen auf jeden Fall alles Gute und viel Glück bei all den Plänen. Und den Lesern ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest – wer weiß, vielleicht befindet sich ja unter dem ein oder anderen Tannenbaum die „Drei von Sinnen“-DVD? ;)
Reportage von Zita Hille

1 Kommentar


  1. Laura sagt:

    Cool! Den Film mag ich mir anschauen.


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