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Die Farbe des Lachens Gedanken zur Uraufführung

30.10.2017 | QLT Redaktion

Gibt es eine weltweite, gemeinsame Sprache des Humors? Hervorgehend aus dem Rechercheprojekt „Comédie? Humaine 21st.“ geht die burundisch-deutsche Überschreibung von Labiches Stück „Die Affäre Rue de Lourcine“ unter der Regie von Clemens Bechtel und Freddy Sabimbona dieser Frage auf den Grund. So ist mit „Die Farbe des Lachens“ ein Stück entstanden, welches die Antwort zwar nicht auf dem Silbertablett liefert, aber die Parallelen durch die beabsichtigte Übertreibung des Spiels aufzeigt. Zugleich wird dem einen oder anderen Zuschauer bewusst, dass Humor auch aus einer Interpretation der eigenen Erfahrungen entstehen kann. Als bedeutendes Requisit wird in dieser Inszenierung die Sprache genutzt. Die Dialoge werden in Deutsch, Englisch, Französisch und Kirundi geführt. Statt Untertiteln gibt es „Hintertitel“, doch das ist dann irgendwann auch komplett egal. Dazu später mehr.

Mich hat es gleich zu Anfang erwischt, mein erster Lacher war sehr persönlich. Der Bedienstete Justin (Freddy Sabimbona) betritt die Szene und referiert auf Englisch über seinen ersten Kontakt mit der deutschen Kultur. Die Musik im Hintergrund lässt es erahnen – Derrick! „Harry, go get the car!“ Jeweils am Montag stand bei Sabimbonas der Krimiabend an. Déjà-vu! Schon vor einem Vierteljahrhundert saß meine senegalesische Gastfamilie in Dakar (allerdings mittwochs) mitsamt der ganzen Nachbarschaft gebannt vor dem Bildschirm wenn der Oberinspektor & sein Kollege (dort auf Französisch) ermittelt haben. Erstaunlich was die Kulturen so alles verbindet, sogar auch eine „gefälschte“ kollektive Erinnerung: Der Satz: „Harry, fahr schon mal den Wagen vor“ erreichte weltweit Kultstatus, obwohl er nur in einer Folge gesagt wurde. Tappert selbst konnte sich nicht einmal erinnern: „Ich habe immer gesagt, dass ich diesen Satz nie gesprochen habe. Und da schaue ich eines Tages eine Wiederholung, und plötzlich sage ich: Harry, hol schon mal den Wagen. Da habe ich fast einen Schlag gekriegt.“

Was den Humor angeht, dürfte die Schadenfreude wohl seit Anbeginn der Menschheit eine globale Konstante sein, egal ob der Hauptakteur auf einer Bananenschale, einer Eisscholle oder einer Currywurst ausrutscht. Sie greift auch bei der Modifikation durch die Protagonisten des Stücks, die nach einer durchzechten Nacht unter einem Filmriss nebst heftigem Kater leiden. In diesem Fall gleich zweifach, europäisch wie afrikanisch. Die Figuren des Lenglumé, seiner Frau Norine sowie des Schulkameraden Mistingue treten gleich in doppelter Besetzung auf. Auf der einen Seite der Bühne geben Georg Melich, Peter Posniak und Sylvana Schneider das fatale Trio, während es gegenüber von Laura Sheilla Inangoma, Jean Renaud Niyonkeza sowie Diogène Rukundo gespiegelt wird. Anfänglich ohne Interaktion, lösen sich nach einem Neustart im „Schnelldurchlauf“ die Strukturen. Die Drehtür macht es möglich und die Verwirrung setzt ein. Beginnend mit einem „Frauentausch“ vermischen sich die Gruppierungen, Rollen und Sprachen. Der Vetter Potard (Sophie Ndoricimpa) kommt als weibliche Chaplin Figur ins Spiel, doch bevor die Komik die in diesen Szenen an den Stil der guten alten Verwechslungskomödie erinnert, zum Slapstick wird wendet sich das Blatt. In der Annahme ein Verbrechen begangen zu haben offenbaren die Protagonisten ihre dunklen Geheimnisse, selbst die Ehefrau(en) haben Schuld auf sich geladen. Schlussendlich sind alle vermeintlichen Belastungszeugen des angenommenen Mordes beseitigt, das „Happy End“ ist der vielzitierte Horror der Komödie.


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Darstellerisch wird so einiges geboten, teilweise herzerfrischend und durchaus mitreißend. Doch was die gemeinsame, weltweite Sprache des Humors angeht, ist auch hierbei nur ein begrenzter Einblick möglich. Die Produktion „Comédie? Humaine 21st.“ ist am Theater Konstanz sowie dem Institut Français du Burundi erarbeitet worden und kann daher bestenfalls die humoristische Schnittmenge einzelner Regionen unter Einfluss des kolonialen Erbes aufzeigen. Allein Afrika besteht aus derzeit 55 unabhängigen Staaten mit noch zahlreicheren Ethnien und Kulturen. In den Städten wird anders als auf dem Lande gelacht, die junge Generation hat ihre eigenen Scherze. Im südlichen Afrika ist gerade „Facebook-Prank“ der absolute Renner. Ein gesamt afrikanischer Humor ist also genauso wenig zu definieren wie ein europäischer. Denken wir nur an die Briten. Humor ist wenn man trotzdem lacht…

In beiden Ländern beschäftigten sich Theaterpädagogen und Schüler gemeinsam mit Fragen zu diesem Stück. Parallel zu der Produktion in der Spiegelhalle entstand eine mobile Version für das Junge Theater Konstanz die in Schulen zu sehen ist. Nach den Vorstellungen geht es auf Gastspielreise nach Burundi. Das zweijährige Projekt wird im Fonds TURN der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Das Theater Konstanz setzt damit seine bereits zehnjährige Partnerschaft mit Theatermachern aus Togo, Malawi und Burundi fort.

Text: C. F.-B. / Fotos: Bjørn Jansen

www.theaterkonstanz.de



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