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Auf dem Weg ins „Land des Lichts“

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„Kinder des Lichts“ ist ein Film von größter Aktualität. Er wurde 2014 produziert, ein Jahr zuvor war das Filmteam in Reyhanli, einer Stadt in der Türkei, welche direkt an der syrischen Grenze liegt. Dort haben sie Workshops mit Flüchtlingskindern organisiert.

Die Drehbuchautorin des Films, Anke Klaaßen, lebt in Konstanz. Sie stand nach der Vorstellung des Filmes im Zebra Kino am 21. Mai zum Gespräch bereit. Bedingt durch ihre Schwangerschaftt konnte sie nicht vor Ort an der türkisch-syrischen Grenze dabei sein, stand aber während dieses Zeitraums in ständigem Kontakt zum Team um Regisseur David Ruf. Im zweiten Teil dieses Artikels wird sie QLT noch einige Fragen beantworten.

Der Film „Kinder des Lichts“ beginnt mit einigen dokumentarischen Aufnahmen von den Workshops in Reyhanli, erst dann steigen die Zuschauer in die eigentliche Geschichte ein: Als ihre Heimat in Syrien zerstört und ihre Großmutter erschossen wird, müssen Raisa und ihr kleiner Bruder Walid fliehen. Sharazad, Firas und Samir stoßen nach und nach zur Gruppe, denn sie ergreifen ebenfalls die Flucht. Ständig mit der Zerstörung ihres Landes, Gewalt und Krieg konfrontiert, versucht Raisa, die Älteste, ihre kleine Gruppe zusammenzuhalten. Um Hoffnung zu wecken, erzählt sie von ihrer Vorstellung vom „Land des Lichts“, einem utopischen Ort, an dem niemand Hunger leiden muss, niemand fliehen muss, sondern in dem Freiheit und Friede herrschen. Doch immer wieder wird dieser kleine Funke an Zuversicht gefährdet. Auch innerhalb der Gruppe entstehen Konflikte. Als Firas herausfindet, dass Samirs Vater für das Regime arbeitet will er ihn töten. Raisa versucht die Tat zu verhindern und wird von einem Schuss getroffen. So muss nun Sharazads Puppenwagen als Krankenbahre benutzt werden. Als sie vermeintlich im „Land des Lichts“, in dem Rettung warten soll, ankommen, finden sie aber nur eine Ruine vor. Dann versammeln sich die fünf tapferen Kinder auf einer Landefläche, denn ein Hubschrauber erscheint. Zum Ende des Filmes sitzen die Kinder in warmem Licht auf einem grasbewachsenen Hügel. Die fünf Laienschauspieler sind aus ihrern Rollen herausgetreten und beraten sich über das mögliche Ende der Geschichte.

Der Konflikt als Motiv wird in vielerlei Hinsicht sehr deutlich. Er ist einerseits politisch, denn die Kinder wachsen in einem Land auf, in dem Rebellen gegen das Regime kämpfen. Aber auch ein inneres Paradox kommt in „Kinder des Lichts“ sehr deutlich zum Vorschein. Sharazad, die ausgiebig mit ihren Puppen spielt, bildet einen starken Kontrast zu Firas, der das Gewehr ständig in greifbarer Nähe mit sich herumträgt. In einer Szene spielen die Kinder in einem Wald Fangen, es scheint, als wäre auch die Kamera am Spiel beteiligt. Während die Kinder losgelöst umherrennen, fällt das blutverschmierte Hemd von Firas auf. Solche Motive sind in „Kinder des Lichts“ oft zu erkennen: Junge Menschen, deren Kindheit überschattet ist von den Umständen in ihrem Heimatland. Auch, dass die Charaktere der Kinder in sehr erwachsenen Rollen aufgebaut sind, zeigt dies auf. Raisa ist die Anführerin der Gruppe, Firas eine Art Beschützer, der das Gewehr immer griffbereit hat. Diese Rollenverteilung steht im Gegensatz zu der eigentlichen Kindlichkeit der Figuren. Das selbstreferentielle Ende spricht die Zuschauer direkt an und bewegt zum Mitdenken: Wie könnte der Film enden? Was wäre wünschenswert, aber was wäre auch realistisch? Welches Ende würde ein gutes Zeichen setzen, eine positive Botschaft verkörpern? In einer fiktionalen Realität oder einer realistischen Fiktion kreiert „Kinder des Lichts“ ein Bild von den fünf Kindern und ihren Schicksalen.

Die Kinder sind Laienschauspieler, jedes Einzelne von ihnen machte einschneidende Erlebnisse im Heimatland und auf der Flucht. Anke Klaaßen hat die vielen verschiedenen Geschichten zum Drehbuch des Filmes verarbeitet. Wir haben der Autorin einige Fragen zu den Workshops, den Kindern, zur Geschichte des Filmes und seinem offenen Ende gestellt:

QLT: Wann und wie entstand die Idee zum Film „Kinder des Lichts“?

AK: Das war 2013, Der Regisseur David Ruf kam auf mich zu und fragte mich ob ich das Drehbuch schreiben möchte. Er hatte die grundlegende Idee als der Syrienkonflikt noch ganz am Anfang stand. Zu der Zeit gab es hier in Deutschland noch nicht so viele Flüchtlinge aus Syrien, die meisten waren in den Anrainerstaaten Syriens. Dort waren sie in einer Art Wartemodus, und vor Ort mit den Menschen etwas zu machen, war eben die Vorstellung. Die geflüchteten Kinder sind natürlich noch mehr im Ungewissen als die Erwachsenen. Da meistens nur über die Kinder berichtet wird, in Dokumentationen, wollten wir ein Projekt machen, an dem die Kinder direkt beteiligt sind, bei dem es wirklich um ihre Geschichten geht und sie das auch selbst umsetzen können. Uns ging es darum, dass sie in diesem Filmprojekt nicht die Opfer, sondern Helden sind.

QLT: Welche Idee war zuerst – die Workshops oder der Film?

AK: An sich war es schon von Anfang an gleichzeitig, es hat sich gegenseitig bedingt. Aus den Workshops entstand der Film, aber es hatte insgesamt auch einen Projektcharakter.

QLT: Die Workshops fanden im Herbst 2013 in Reyhanli an der türkisch-syrischen Grenze statt. Was haben die Kinder in den Workshops gemacht?

AK: Es war ein Theaterlehrer dabei, der hat Theaterworkshops und Spiele mit den Kindern gemacht, auch vieles, was ohne Sprache funktioniert, einfach um sich kennenzulernen. Es gab viele Aufgaben aus der Theaterpädagogik. Zum Beispiel, sich Sachen in einer besonderen Art vorzustellen. Ein befreundeter Drehbuchautor hat Schreibworkshops gemacht, die Kinder haben auch ganz viel gemalt. Es war eben so ein kleines Team, das das organisiert hat. Der Regisseur hat Theaterworkshops gegeben, aber das Ganze zwischendurch auch immer dokumentarisch begleitet, woraus dann der Anfang des Filmes entstanden ist.

QLT: Wie waren die Sicherheitsbedingungen in der türkischen Grenzstadt?

AK: Ich glaube es war schon immer ein Gefühl der Unsicherheit da und es gab wohl auch Situationen, in denen das Team bedroht wurde, aber es ist zum Glück nie wirklich was passiert. Es gab ständig Polizeikontrollen. In einem anderen Land, dessen Sprache man nicht spricht, und man wird dann ständig kontrolliert, das ist natürlich verunsichernd. Die Grenze war ja in Sicht, also auch räumlich gesehen sehr nah. Und wenn drüben dann eine Bombe runtergegangen ist – das war einmal so- da hat dann auch das Ganze Team gedacht es wäre direkt bei ihnen.

QLT: Der Anfang und das Ende des Filmes sind dokumentarisch, der Zwischenteil/Hauptteil ist geschrieben/fiktional, aber wieviel wahre Geschichte steckt darin?

AK: Es ist ja an sich eine phantastische Geschichte. Schon ganz am Anfang als Grundidee hatten wir die Konstellation aus fünf ganz unterschiedlichen Kindern, von denen auch jeder eine Erwachsenenposition einnimmt, weil sie ja eben durch den Krieg gezwungen sind, so früh erwachsen zu werden. Raisa ist die Beschützerin und Leiterin, dann Firas, der sich dann so aufspielt, und Samir als eine Art Arzt der Gruppe. Sie treten alle in Erwachsenenrollen und sind aber trotzdem noch Kinder. Das war auf jeden Fall schon als Idee da. Das Land des Lichts war auch eine Grundidee. Die Kinder wollen irgendwie in ein Land von dem aber klar war, dass es das so wahrscheinlich nicht geben kann. Oder es wäre wünschenswert, dass es das gibt, aber es liegt nun an uns allen, es zu schaffen. Aber wie dieses Land genau aussieht, mit dieser Frage ist das Team dann auch in die Workshops gegangen. Wir hatten dann auch solche Fragebögen: Wo würdet ihr gerne leben? Wie würde Syrien nach dem Krieg aussehen? Wenn ihr nicht zurückkommt, wohin könnt ihr gehen? Wie stellt ihr euch Europa vor? Was ist dort schön, und was nicht?

QLT: Warum habt ihr euch dazu entschieden, keinen klassischen Dokumentarfilm zu drehen?

Ich glaube dass die Phantasie in solchen Situationen für Kinder ein guter Schutz ist, solche Phasen zu überstehen. Das ist auch eine gute Fluchtmöglichkeit, eine Gabe von Kindern da heil wieder rauszukommen. Und dann aber auch einfach, weil wir diese Workshops machen wollten. Es war zwar klar, dass wir ja keine Psychologen waren, und wir wollten da auch keine Traumata aufrütteln, aber wir haben positive Visionen mit den Kindern entwickelt.

QLT: Wie soll eine Verbindung zwischen den Menschen, die den Film sehen und den Menschen im Film entstehen? Wie wird diese Brücke geschlagen?

AK: Gut, erstmal, indem man den Film im Kino zeigt. Er läuft ja auch auf Festivals, und das ist eine super Gelegenheit. Und eben auch der Goldene Spatz, ein Filmfestival in Thüringen, wo der Film jetzt im Juni läuft. Die machen das total super. Weil die über Wochen den Film in zwei Schulklassen gezeigt haben und die Kinder sich mit dem Syrienkonflikt und mit den einzelnen Charakteren wirklich intensiv beschäftigt haben. Das ist speziell beim Goldenen Spatz, dass es Schulpatenschaften gibt. Ich könnte mir vorstellen, dass man den Film noch mehr an Schulen zeigt, wenn sich da noch weitere Kooperationen ergeben. Ich finde eine Verbindung schafft dabei auch das Ende des Films, indem gesagt wird: „Die schauen uns gerade zu“. In dem Moment war natürlich das Filmteam gemeint, aber im Fall der Aufführung sind wir gemeint, die wir den Film sehen. Für mich ist es immer noch so: Wenn ich mir das anschaue, dann fühle ich mich selber angesprochen.

QLT: Warum habt Ihr Euch für ein offenes Ende entschieden, in dem der Film reflektiert wird und die Kinder sich über die Möglichkeiten des Ausgangs des Filmes beraten?

AK: Also wir hatten ursprünglich ein Ende geschrieben, es wurde auch eins gedreht aber es hat sich eben nie so gut angefühlt. Diese Szene mit den Kindern hat der Kameramann so zufälligerweise mitgenommen, und im Schnitt, als der Regisseur mit dem Cutter dann zusammensaß und sie das Material gesichtet haben, hat sich recht schnell herausgestellt, dass es sich am besten anfühlt, es so an den Schluss zu setzen. Auch weil wir den dokumentarischen Anfang hatten, dann war es natürlich eine schöne Klammer.

QLT: Die fünf Kinder sind Laienschauspieler, es war bestimmt emotional und auch schwierig für sie, von einem anderen Standpunkt aus auf ihre eigene Geschichte zu blicken. Welche Schwierigkeiten ergaben sich, wie haben die Kinder auf euer Vorhaben reagiert?

AK: Naja bestimmt wurde ein bisschen etwas aufgewühlt. Aber es sind insgesamt fünf starke Kinder. Zum Beispiel Firas: Sein Haus wurde verschüttet, er hat Schlimmes erlebt und auch Familienmitglieder verloren. Aber alle Kinder gehen mit ihrer Geschichte recht stark um und deshalb war das jetzt keine zusätzliche Belastung. Außerdem wurden sie ja durch die Workshops vorbereitet. Ich glaube, sie sind da alle stärker wieder rausgegangen, durch die Freundschaft.

QLT: Haben auch Leute in Reyhanli den Film gesehen? Wie waren die Reaktionen?

AK: Ja, der Regisseur ist mit dem Film nach Reyhanli gefahren, da hat er ihn den Kindern gezeigt und auch den ganzen Leuten in der Stadt, die haben ihn alle angeguckt. An sich fanden sie den Film total gut, aber das Ende mochten die Kinder halt am Anfang überhaupt nicht. Das war ein bisschen eine Enttäuschung für sie, weil ein offenes Ende natürlich auch gegen ihre Sehgewohnheiten ist und sie einfach ein festes Ende wollen. Dann haben sie sich erst so ein bisschen dagegen gewehrt, aber inzwischen finden sie es auch gut.

QLT: Was wäre für Dich das „Land des Lichts“?

AK: Für mich.. Also an sich sind wir ja immer noch auf dem Weg zum „Land des Lichts“, es kann in Augenblicken zwar auch entstehen aber in unserer Welt ist es einfach auch schwierig das als Dauerzustand zu haben. Für mich ist das „Land des Lichts“ das, was eines der Mädchen auch am Schluss sagt, dieses Gefühl als Gemeinschaft zu leben. Die Freundschaft und dass es egal ist, ob der eine der anderen Gruppe angehört oder nicht. Dass die Freundschaft Dinge überwinden kann, auch wenn die Eltern sich gegenseitig bekriegt haben, Zuneigung zueinander und dass dieses Gefühl der Freundschaft und der Zugehörigkeit stärker ist. Also für mich ist das Land des Lichts auch gar kein Land in das man gehen kann, sondern eher ein Gefühl, das Menschen verbindet, egal wo sie sind.

QLT: Sind noch weitere Workshops geplant?

Also im Moment nicht. Es war mal geplant, das weiterzuführen, aber es dauert ja auch bis ein Film fertig ist, und dann sind alle wieder an anderen Projekten. Es könnte schon sein, dass es wieder so was gibt, aber im Moment nicht. Jetzt sind wir grade dabei, den Film hier zu zeigen und dann wird man sehen. Ich fände es auf jeden Fall wünschenswert, aber es gibt kein konkretes Datum.

QLT: An welchen anderen Projekten arbeitest Du?

AK: Ich habe immer extrem viele Baustellen, im Moment arbeite ich auch wieder an einem Kinderprojekt und hoffe, dass ich das realisieren kann. Das wird ein Kinderfilm, es soll um die Natur und Kinder gehen. Für mich die Natur ein Ort der im Moment auch so ein bisschen verloren geht, obwohl es für die Menschen total wichtig ist, ihn als Heimatort zu haben. Auch im Hinblick auf die ganzen Konflikte und Probleme und die Sachen, die einen manchmal trennen. Ich finde, wenn man den Bezug zur Natur wieder bekommt entsteht auch ein Gefühl der Gemeinschaft, weil einem klar wird, dass wir alle gemeinsam auf der selben Erde wohnen, nicht in verschiedenen Ländern. Wir wohnen alle in der selben Natur, und sind auch von den Pflanzen abhängig.

Bis zum 4. Juli ist noch eine verkürzte Version des Films in einem früheren Schnittstadium in der Arte Mediathek zu sehen.

Das Gespräch führte Nina Maier.