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| Miteinander statt nebeneinander! |
Brücken bauen zwischen den Generationen In meiner Kindheit hieß es viele Jahre: Samstag geht’s zu Oma und Opa. Solange das Wetter einigermaßen mitspielte, traf man meine Großeltern in ihrem Schrebergarten im Tägermoos an. Opa pflanzte, erntete, oder werkelte immer irgendetwas. Mit seinem berühmten „Sackmesser“, ohne das er nie aus dem Haus ging, schälte er uns Äpfel, schnitt Speck, reparierte kleinere Schäden und machte aus einem Ast kurzerhand einen Spieß, Spazierstock oder was man eben gerade brauchte. Oma jätete Unkraut, kümmerte sich um die Blumenbeete oder verwöhnte uns mit selbstgebackenem Kuchen und Pfefferminztee aus frisch geplücktem Blättern. Meine Schwester und ich waren an diesen Samstagen immer beschäftigt. Wir bauten Höhlen aus Sonnstühlen, spielten im Planschbecken oder halfen im Garten, denn bei Oma und Opa war Mithelfen nie langweilig. Wir pflückten Beeren um die Wette, freuten uns, wenn wir die größte oder lustigste Rübe aus der Erde zogen und sangen Lieder beim Bohnenschnippeln. Meine Eltern konnten nur über ihre ungewohnt fleißigen Töchter staunen. Die Tage bei Oma und Opa gehören zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Heute lebt leider nur noch meine Oma, aber die ist topfit und kommt selten in die Verlegenheit sich zu langweilen. Neben Garten, Haushalt und Seniorenturnen, hält sie auch die Familie auf Trab, denn von ihren vier Kindern wohnt eine Tochter mit ihrer Familie im gleichen Haus. Dass mehrere Generationen unter einem Dach leben, ist in Deutschland schon lange nicht mehr die Regel. Bereits im 19. Jahrhundert hat sich die Kleinfamilie aus Eltern und Kindern als Wohnschema durchgesetzt. Bedingt war der Wandel damals durch die zunehmende Industrialisierung und die damit einhergehende Verstädterung. In der Stadt war der Wohnraum sehr begrenzt und reichte kaum für eine kleine Familie. Ein großer Nachteil dieser Entwicklung war, dass die Möglichkeiten der Arbeitsteilung wegfielen, die die Großfamilie unter einem Dach vormals bot. Früher waren die älteren Verwandten selbstverständlich an der Betreuung und Erziehung der Kleinen beteiligt. Das entlastete nicht nur die Eltern, die Kinder wuchsen auch in einem Umfeld auf, in dem sich alle Generationen Rechte und Pflichten teilten. Im Umgang miteinander lernten sie Rücksicht, Respekt, Toleranz und nicht zuletzt Verantwortung, denn sie halfen auch bei der Betreuung der Älteren. Heutzutage haben die einzelnen Generationen oft nur wenige Berührungspunkte und leben mehr oder weniger nebeneinander her. Es wäre Quatsch zu behaupten: früher war alles besser! Das war es natürlich nicht. Es lohnt sich aber, an die Dinge anzuknüpfen, die damals wirklich besser waren, wie eben die Unterstützung der Generationen untereinander. Unsere Gesellschaft verändert sich gerade ganz entscheidend, insbesondere demographisch. Jeder kennt das Schema der auf dem Kopf stehenden Pyramide. Sie veranschaulicht, dass es immer mehr ältere Menschen in Deutschland gibt, während gleichzeitig die Geburtenzahlen sinken. Dass es so viele Menschen über 60 gibt, stellt unsere sozialen Sicherungssysteme zwar finanziell und organisatorisch vor eine echte Herausforderung, birgt aber auch ein großes Potential. Laut Familienministerin Dr. Kristina Schröder müssen wir alle dringend umdenken. „Es wird Zeit, dass sich Betriebe, Verwaltungen und auch die Medien vom Jugendwahn verabschieden. Wir dürfen die Älteren nicht frühzeitig wegschicken.“ Untersuchungen zeigen, dass altersmäßig gemischte Teams die besten Arbeitsergebnisse erzielen. Das macht Sinn, denn während junge Mitarbeiter durch ihre Ausbildung fachlich auf dem neuesten Stand sind, verfügen ältere Mitarbeiter über langjährige Erfahrungen auf ihrem Gebiet und wissen schlichtweg wie der Hase läuft. Das ergänzt sich ideal. Und so könnte es auch in vielen anderen Lebensbereichen sein. Der Schritt in die Rente zieht manchen Menschen zunächst den Boden unter den Füßen weg. Schließlich fällt mit dem Job ein entscheidender Teil ihres Lebens weg. Aber selbst wenn sie sich dessen vielleicht nicht sofort bewusst sind, als Rentner verfügen sie über zwei der wertvollsten Güter überhaupt: Erfahrung und Zeit! Diesen Schatz sollte man unbedingt nutzen. Viele Senioren sind heutzutage bis ins hohe Alter fit und gesund und wollen ihre Zeit sinnvoll und vor allem nicht einsam verbringen. Mit ihrer Lebenserfahrung und ihrem Know-How können sie wichtige Berater im politischen und kulturellen Bereich sein. Mit verschiedenen Initiativen und Projekten versuchen jetzt Bund und Kommunen, Senioren auch auf sozialer Ebene aktiv einzubeziehen und ein harmonisches Miteinander von Jung und Alt zu fördern. Eine tolle Idee sind beispielsweise so genannte „Paten-Großeltern-Dienste“, die bereits vielerorts angeboten werden. Nicht jedes Kind hat die Möglichkeit, seine Samstage bei Oma und Opa zu verbringen wie ich in meiner Kindheit. Gleichzeitig sind viele Senioren einsam und hätten doch eigentlich viel Zeit und Liebe zu geben. Über den Dienst werden sie zu wertvollen Leihopas oder Leihomas, die mit Kindern spielen, ihnen vorlesen und vielleicht auch mal um die Wette Beeren pflücken. Sehr erfolgreich und vor allem richtungsweisend sind auch Mehrgenerationenhäuser, von denen bundesweit bereits 500 eingerichtet wurden. Menschen aller Altersgruppen begegnen sich dort außerhalb der Familie zu gemeinsamen Aktivitäten und schaffen so ein nachbarschaftliches Miteinander. Viel günstiger als im Normalfall werden in den Einrichtungen verschiedene familiennahe Dienstleistungen angeboten, u.a. Kinderbetreuung, die alleinerziehende und berufstätige Eltern entlastet, sowie Einkaufsservice, Putzhilfen und Betreuungsangebote für ältere Menschen. Die Häuser beziehen freiwillig Engagierte aller Generationen mit ein, die Hand in Hand mit festangestellten Fachkräften zusammenarbeiten. Die Generationen helfen einander im Alltag beinahe wie damals, als Jung und Alt noch unter einem Dach lebten. Natürlich bringt es auch Konflikte mit sich, wenn die Generationen aufeinanderprallen und miteinander leben, denn jeder Jahrgang tickt ein wenig anders. Ältere Menschen sind nicht immer mit allem einverstanden, was die „jungen Leute“ so machen. Ihnen gefällt oft nicht, wie die Jungen ihr Leben führen, wie sie sich ausdrücken oder auch anziehen: die Jungs mit der Hose auf halb Acht und die Mädchen viel zu freizügig. Meine Oma war bestimmt auch nicht begeistert, als einige ihrer Enkel sich tätowieren ließen, beim Studium viel zu viel Zeit verbummelten oder anfingen zu rauchen. Sie schüttelt auch darüber den Kopf, was junge Leute heutzutage alles so haben wollen oder meinen, dringend zu brauchen. Ihre Generation ist in schweren Zeiten aufgewachsen, hat den Krieg erlebt und unweigerlich lernen müssen, zu sparen und aus wenig viel zu machen. Wie sie haben alle älteren Menschen im Laufe ihres Lebens Geschichte gelebt, Herausforderungen angenommen und Schwierigkeiten gemeistert. Das macht sie zu wahren Experten des Lebens und als solche sollten die Jüngeren sie respektieren und schätzen. Caro B. |