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| Wenn der See durchs Dorf spaziert |
Die Ermatinger und ihr Gropp Fasnächtliche Sitten und Gebräuche, Verse und Masken erzählen uns einiges vom Leben in früheren Zeiten – meist mehr, als dies Geschichtsbücher vermögen. „Oral History“ – erzählte, aber auch nachgelebte, nachgefeierte Geschichte. Kein Wunder treiben Alet, Kretzer und Grundele am See während der 5. Jahreszeit ihr Unwesen. Allen voran die Groppen im Schweizerischen Ermatingen. Ermatingen, ein Dorf, das sich weit in den See hinaus lehnt und dessen Dorfteil Staad sich konsequent zum Wasser hin orientiert. Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es hier über 20 Berufsfischer, drei Fischhandlungen, eine Fischräucherei und mit der 15m langen „Gangfischsegi “ das größte Fischerboot, das je auf dem Bodensee eingesetzt wurde. Diese Beziehung zum Fischfang prägt bis heute die Dorfkultur. Im Staad, direkt am See, war das „Überwintern“ manchmal nur wenig mehr als „Überleben“. Fror der See zu, waren die Menschen von ihrem Elixier abgeschnitten. Man wartete auf den Frühling, denn erst im März, wenn das Eis endlich schmolz, konnte man mit den „Groppestroapfen“ (eine Art flachgedrückte, engmaschige Reusen, die an einem Seil den Seeboden entlang gezogen wurden) wieder auf Fischfang gehen. Drei Wochen vor Ostern, am Latäre-Sonntag, dem Fest des Lebens, schritten die Staader zur Tat, begrüßten den Frühling und vertrieben den Winter endgültig mit Böllerschüssen und Trommelwirbel. Eine Strohpuppe, die den Winter symbolisierte, wurde im See ertränkt. Die Ermatinger Groppenfasnacht ist wohl aus diesem Frühlingsfest erwachsen. Nach anderen Deutungen entstand sie zu Zeiten des Konstanzer Konzils (1414 bis 1418). So soll Papst Martin V in Ermatingen eine Messe gelesen haben, andere Quellen berichten, Bischof Hugo von Landberg habe den Ermatingern mitten in der Fastenzeit einen Freudentag gewährt. Des weiteren wird erzählt, dass Johannes XXIII am 20.3.1415 aus Konstanz fliehen musste. Dank seiner Verkleidung erreichte er Ermatingen unerkannt. Hier sollen ihm neben Brot und Wein auch gebackene Groppen serviert worden sein, die ihm so gut mundeten, dass er den Ermatingern ihren Feiertag zugestand. Über Jahrhunderte hinweg wurde das Groppenfest nur im Dorfteil der Fischer, im Staad, gefeiert, während die Leute im Oberdorf die Bauernfasnacht begingen. Schließlich legten die Dorfteile ihre Fasnacht zusammen und begehen seither am Latäre-Sonntag die Groppenfasnacht, „die letzte Fasnacht der Welt“. Der Gropp oder die Groppe, die am Seeboden lebt, ist ein winzig kleines Ungeheuer mit großem Kopf, Kulleraugen, zwei stacheligen Rückenflossen, ohne Schwimmblase und ohne Schuppen. Tagsüber hält er sich unter Steinen versteckt und geht nachts auf Jagd nach winzigen Krebsen und Insektenlarven. Laichzeit ist von Februar bis März, allerdings reagieren die Groppen sehr empfindlich auf Verunreinigungen. Früher jedoch gab es eine recht große Population und die schmackhaften Groppen waren trotz ihrer geringen Größe als Speisefisch begehrt. Alle drei Jahre bildet der „Grosse Groppenumzug“ den Höhepunkt des fasnächtlichen Treibens in Ermatingen. Dieses Jahr ist es am 14.3. um 14.01 Uhr wieder so weit, wenn, angeführt von seiner Majestät, dem Gropp, traditionelle Fischergruppen und satirische Prunkwagen durch die dichten Zuschauerspaliere im Unterseedorf ziehen. Frühlingshafte Blumenwagen, Märchensujets und Guggenmusiken runden das Spektakel ab. Schon am Mittwoch, 10.3. steigt der „Dorffasnachtsabend“ mit Bühnenprogramm sowie Guggen- und Tanzmusik in der Mehrzweckhalle. Traditionelle „Beizenfasnacht“ in Ermatingens Gasthäusern und der „Panikball“ sind am 13.3. angesagt und den Abschluss bildet der Lumpenball am Montag, 15.3., mit DJ und Maskenprämierung. Neugierig geworden? Dann nix wie hin zu Groppenfasnacht und Groppenumzug. Wer mehr wissen möchte über das ganz besondere Dorf am See, dem sei das Buch „Der See, das Dorf und sein Fest“ von Thomas Vaterlaus und Monika Schiess empfohlen. daniB |